Montag, 14. Juli 2014

"Travels with Charley" (John Steinbeck) - Buchblogparade Teil 7


Endlich Sommer - und damit Urlaubs- und gleichzeitig Lesezeit! Ganz bewusst hab ich keine neuen Bücher gekauft, dafür aber gleich 3 Bücher innerhalb der ersten Juliwoche während meines Urlaubs am Balaton auslesen. Und ich hoffe es folgen noch weitere...
Gelesene Bücher:
  • Willy Russell - "The Wrong Boy" (fertiggelesen, Buch des Monats Juni)
  • John Grisham - "Calico Joe" 
  • John Steinbeck - "Travels with Charley"
  • Gert Mak - "Amerika!"(begonnen)

Mein Buch des Monats ist wiederum ein englischsprachiges Buch, und zwar von einem der bedeutendsten amerikanischen Schrifstellers der jüngeren Vergangenheit - John Steinbeck. "Of Mice and Men" findet sich  ja häufig im Kanon der Schulliteratur, ich hatte von ihm bisher allerdings nur "Cannery Row" (Die Strasse der Ölsardinen) gelesen, treffenderweise 2011 nach einem Aufenthalt in der Monterey Bay südlich von San Francisco, wo der Roman spielt. Begeistert von seiner Sprache und seinem lebendigen Erzählstil wollte ich unbedingt noch mehr von Steinbeck lesen, und da ich 2011 ja selbst eine 5-monatige Reise durch die USA unternommen hatte, fiel die Wahl auf "Travels with Charley".

Dabei folgen wir dem knapp 60-jährigen Steinbeck und seinem graublauen Königspudel Charley am Beifahrersitz eines umgebauten GMC Trucks von Sag Harbor auf Long Island quer durch die USA, dann an der Westküste entlang Richtung Süden und schliesslich via Texas & New Orleans wieder zurück an die Ostküste, zum Ausgangspunkt seiner Reise. Steinbeck war ein aufmerksamer Beobachter, in seinen Büchern zudem ein kritischer Betrachter der amerikanischen Moderne (Bücher wie Die Früchte des Zorns oder Jenseits von Eden wurden zu Klassikern), aber im Laufe der Jahre hatte er das Gefühl dass ihm dieses "monströse" Land und seine Bewohner, die Amerikaner, immer fremder geworden waren. Daher plante und unternahm er schliesslich 1962 diese umfangreiche Reise, entgegen Warnungen von Freunden & Familie (Steinbeck hatte im Jahr zuvor einen leichten Schlaganfall gehabt und begann ganz allgemein die Folgeerscheinungen seines Alter zu spüren; er verstarb dann auch wenige Jahre später, 1968) die darin ein verrücktes und sinnloses Unterfangen sahen; nicht umsonst taufte er seinen Wagen dann auch "Rosinante", wie das Pferd von Don Quixote.

Das Buch ist zwar kein Kampf gegen Windmühlen, aber auch kein akkurater Reisebericht, und an mancher Stelle wohl auch literarisch verdichtet (soll heissen, Steinbeck hat sich ein paar dichterische Freiheiten bei der Aufzeichnung von Begegnungen und Gesprächen genommen) aber so oder so ähnlich wird sich das Ganze wohl schon zugetragen haben. Im Vergleich zum munteren Ton von Cannery Row haftet dieser Erzählung etwas Nostalgisches, mitunter auch Wehmütiges an, wenn sie zwischen der Beschreibung von Reiseerlebnissen sowie dem Aufzeichnen von Gedanken (und am Steuer eines Autos auf einer Fahrt quer durch die USA hat man viel Zeit nachzudenken, wie Steinbeck richtig bemerkt) wechselt. Steinbeck kann sich mit seinem Land nicht mehr zur Gänze identifizieren: das wird insbesondere bei der Rückkehr in seinen Geburtsort Salinas/Kalifornien, beim Besuch bei reichen Freunden in Texas, oder beim abschliessenden Aufenthalt in New Orleans (am Höhepunkt der segregation, einige Jahre vor der Ermordung Martin Luther Kings) deutlich, und da findet er dann auch deutliche Worte. Trotz dieser ernsten Untertöne ist das Buch aber vor allem auch unterhaltsam, dafür sorgt nicht zuletzt Pudel Charley, der zwischen den Wäldern von Maine im Osten und den Redwoods im Westen so einige Bäume markiert...

Für jeden Amerika-Interessierten, aber auch für jeden passionierten Vagabunden ist dies jedenfalls ein Pflichtroman, das wird schon im Vorwort klar:

"When i was very young and the urge to be someplace else was on me, i was assured by mature people that maturity would cure this itch. When years described me as mature, the remedy prescribed was middle age. In middle age I was assured that greater age would calm my fever and now that i am fifty-eight perhaps senility will do the job. Nothing has worked. [...] In other words, i don't improve; in further words, once a bum always a bum. I fear the disease is incurable  [...] Once a journey is designed, equipped, and put in process, a new factor enters and takes over. A trip, a safari, an exploration, is an entity, different from all other journeys. It has personality, temperament, individuality, uniqueness. A journey is a person in itself; no two are alike. And all plans, safeguards, policing, and coercion are fruitless. We find after years of struggle that we do not take a trip; a trip takes us. [...] In this a journey is like marriage. The certain way to be wrong is to think you control it. I feel better now, having said this, although only those who have experienced it will understand it."

PS: da sich Steinbecks Reise und Roman kürzlich zum 50. Mal jährten, haben sich einige seiner Leser & Fans ebenfalls auf den Weg gemacht. In "Amerika", dem Buch das ich zur Zeit lese, begibt sich der Niederländer Gert Mak auf dieselbe Reise wie Steinbeck vor 50 Jahren, um die Reise zu rekonstruieren und gleichzeitig eine neue Bestandsaufnahme Amerikas anzufertigen. Nur den Pudel Charley hat er durch seine Ehefrau ersetzt...

Sonntag, 6. Juli 2014

Willy Russell - "The Wrong Boy" (Buchblogparade Teil 6, Beitrag Juni)

Als ich den vielen Regen im Mai langsam satt hatte, flüchtete ich mich zu den Smiths. Zur Erklärung: The Smiths sind eine einflußreiche englische Band aus den 80er Jahren, deren Erfolgsformel darin bestand Steven Patrick Morrisey (bald nur noch bekannt unter seinem Künstlernamen Morrissey) in unnachahmlichem Falsett bitterböse Texte zu Johnny Marr's zuckersüssen Melodien zu schmettern. Oder, wie mein Rock-Lexikon schreibt: "Jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber die Smiths haben daraus eine Kunstform gemacht." Und weil verregnete Tage gleichzeitig deprimierend und doch wunderschön sein können, lege ich an solchen Tagen bevorzugt Musik dieser Band aus Manchester auf - und dort spielt auch die Geschichte in meinem Buch des Monats.



Gekaufte Bücher im Juni:
  • Ralph Potts - "Vagabonding"
Gelesene Bücher im Juni :
  • Willy Russell - "The Wrong Boy" (wiedergelesen)


Es handelt sich also um ein Buch das ich bereits gelesen habe, und zwar vor gut 12 Jahren auf Empfehlung von Zita Bereuter in einer kleinen Bücher-Rubrik des Radiosenders FM4. Aus mehreren Gründen beschloss ich spontan das Buch wieder zur Hand zu nehmen - erstens hatte ich es in guter Erinnerung, zweitens konnte ich mich paradoxerweise dennoch kaum an den Inhalt (geschweige denn Ausgang) des Buches erinnern, drittens war ich zum damaligen Zeitpunkt noch wesentlich weniger vertraut mit den Smiths und ihrer Musik, und viertens fand ich es spannend und repräsentativ, für die Buchblogparade zumindest ein Buch "wiederzulesen" - denn Hand aufs Herz: jeder hat Bücher daheim stehen, die er gerne nochmal zur Hand nimmt.

Das Buch ist 2000 erstmals erschienen, und unter dem Namen "Der Fliegenfänger" auch in einer deutschen Übersetzung erhältlich. Diese habe ich allerdings nicht gelesen, kann also nur für die englische Originalausgabe sprechen (gleichzeitig würde es mich aber sehr interessieren wie die oft derbe nordenglische Umgangssprache ins Deutsche übersetzt worden ist, also falls irgendjemand das Buch auf Deutsch gelesen hat freu ich mich über Rückmeldung!). Mit der Übersetzung des Titels von "The Wrong Boy" zu "Der Fliegenfänger" hat man sich jedenfalls schon mal einige Freiheiten genommen... aber ich vermute der Verlag wollte damit vielleicht auf einen anderen bekannten jugendlichen Protagonisten anspielen, nämlich den weltberühmten "Fänger im Roggen" von J.D. Salinger; denn auch "The Wrong Boy" ist eine Coming-of-Age Geschichte.

Der tragische Held dieser Geschichte heisst Raymond J. Marks, aber - anders als Holden Caulfield - ist er ein Außenseiter wider Willen. Als er am nahegelegenen Kanal mit ein paar Jungs seiner Schule das "Flytrapping" (also "Fliegenfangen") erfindet, steckt dahinter nicht viel mehr als als ein Kleinbubenstreich - oder "Zumpferlspiel", wie man es auf gut Wienerisch nennen würde -  die spielerische und absolut harmlose Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht (die Details dazu überlasse ich jetzt Eurer Phantasie). Leider laufen die Dinge aber etwas unglücklich aus dem Ruder, kommen ans Licht der Öffentlichkeit, und so wird aus einem harmlosen Zeitvertreib vorpubertierender Burschen plötzlich ein handfester Skandal, entsprungen der obszönen Fantasie eines kranken, fehlgeleiteten Jungen, der als Schuldiger schnell ausgemacht ist. Und so beginnt für unseren armen Raymond ein langer & tiefer Fall, bei dem man als Leser nicht anders kann als mitzuleiden. Wäre die Geschichte nicht so umwerfend komisch geschrieben, und mit zahlreichen liebens- und nicht so liebenswürdigen Charakteren geschmückt - es kämen einem unweigerlich die Tränen.

Erzählt wird das ganze rückblickend in Briefen - und zwar in Raymond's Briefen an sein grosses Idol Morrissey, in dessen Songs er letztlich Trost und so etwas wie einen Verbündeten am Weg zum Erwachsen-Sein gefunden hat. Und nicht zufällig verhält es sich mit diesem Buch ähnlich wie mit einem Smiths-Song: der Inhalt ist mitunter schwere Kost, wird aber sehr ansprechend & melodiös erzählt, und vermag uns dabei emotional zu berühren. Wie sehr das ganze autobiographisch inspiriert ist, vermag ich nicht zu beurteilen, aber fest steht dass auch Willy Russell einen sehr ungewöhnlichen Lebenslauf vorzuweisen hat: mit 15 die Schule verlassen, arbeitete er 6 Jahre als Frauenfriseur, dann ebenso in der Nylonstrumpf- sowie der Automobilindustrie, bevor er mit dem Schreiben anfing; zuerst Songs, später Theaterstücke, dann Musicals fürs Londoner West End. Seine preisgekrönten Stücke "Educating Rita" und "Shirley Valentine" wurden erfolgreich verfilmt.