Montag, 30. August 2010

Abenteuer Richterkante


Eigentlich war es nur als 1-tägige Mehrseillängen-Tour am 8. Mai 2010 geplant, aber letztendlich wurde es zu einem jahresfüllenden Kletterprojekt: ganze 3 Anläufe haben meine Kletterpartnerin Renate & ich benötigt, um die "Direkte Richterkante" in der Stadelwand am Schneeberg zu durchsteigen!

Im nachhinein betrachet hätten wir es wohl besser wissen müssen: Renate hat gewissermaßen ein Händchen für aufregende Bergabenteuer, bereits unser Kennenlernen am Hochschwab im Oktober 2009 war ja alles andere als ein Spaziergang, und sie hatte auch schon mal das zweifelhafte Vergnügen mit der Bergrettung vom Dachstein ausgeflogen zu werden. Aber auch ich bin kein unbeschriebenes Blatt, hab ich es doch mal geschafft, mit meinem langjährigen Kletterpartner Thomas (den meisten bekannt unter "Knolly") in der 2. Seillänge des Draschgrats (Anm: Genusskletter-Klassiker im 4./5. Grad auf der Hohen Wand...) abseilen zu müssen! Allerdings muss man zu unserer Verteidigung sagen, dass wir da noch blutige Anfänger waren und bereits den Zustieg nur mit Mühe gefunden hatten ;-)

Aber wie auch immer: dass uns die Richterkante soviel Zähigkeit abverlangen würde, hätten Renate & ich beide nicht gedacht - obwohl sie zwei Seillängen im unteren 6. Grad bereithält, wie ihr auf dem folgenden "Topo" (= quasi die Wegbeschreibung beim Klettern) erkennen könnt:



Eigentlich war die Richterkante perfekt auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten: 10 Seillängen, die wir uns schön gerecht aufteilen und im Team "rotpunkt" klettern wollten, mit jeweils abwechselndem Vorstieg. Nachdem Renate sich den 6. Grad im Freien eher zutraute, beschlossen wir, dass ich die jeweils ungeraden Seillängen (1,3,5,7,9) und Renate die geraden Seillängen (2,4,6,8,10) klettern würde. Somit war es ihre Aufgabe, die beiden schwierigsten Stellen in der 2. und 10. Seillänge vorzusteigen. Bei der Vorbesprechung in meinem Garten gingen wir nochmals die wichtigsten Abläufe durch, war es doch unsere erste gemeinsame (Kletter)Tour im Freien. Der Rasenmäher musste kurzerhand als Standplatzhaken herhalten ;-)



Mit ihrem treuen Diener "Sir Paul" fuhren wir also ins Höllental und quartierten uns im Weichtalhaus ein, wo wir nach getaner Arbeit die Nacht verbringen wollten. Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg... bereits der Zustieg durch den Stadelwandgraben erwies sich als anstrengendes Unterfangen: nach der vermeintlichen "6. Kehre" mussten wir ein Geröllfeld queren und suchten dann ewig die Stadelwand ab, bis wir endlich gegen 13:30 den unscheinbaren Einstieg fanden. Eigentlich hatten wir vorgehabt noch vor Mittag in die Wand einzusteigen, nun waren wir aber erst um 14:00 Uhr startklar und ich hatte ausserdem das Gefühl bereits eine anstrengende Halbtageswanderung in den Beinen zu haben.



Dementsprechend zügig machten wir uns dann ans Klettern. Die 2. Seillänge war kniffliger als erwartet (m.M.n. die schwierigste Stelle der gesamten Route), wir nahmen es dann mit den Bohrhaken auch nicht ganz so genau: eigentlich darf man diese bei einer "Rotpunkt" Begehung ja nur zur Absicherung verwenden und sich nie daran festhalten, aber ein Sturz an dieser Stelle wäre sowohl im Vorstieg als auch im Nachstieg (Quergang!) unangenehm gewesen; ausserdem wollten wir nicht noch mehr Zeit verlieren, da sich auch das Wetter eintrübte und wir nach der 4. Seillänge sogar einen kurzen Regenschauer abwarten mussten.



Als wir wieder fortsetzen konnten, und ich die 5. Seillänge in Angriff nahm, passierte jedoch noch ein viel größeres Fiasko: Beim Aufstieg durch eine schmale und etwas brüchige Rinne trat ich einen Stein los, und dieser wurde durch die Rinne direkt zu Renate befördert, die sich etwa 5 m unterhalb am Standplatz befand, wo ihr der Stein direkt auf die Schienbeinkante knallte. Ob der Stein nun "faustgross" (Alex) oder "kindskopfgross" (Renate) war, darüber waren wir uns nicht einig; fest stand allerdings, dass er Renate ein daumenkuppengrosses Loch ins Schienbein geschlagen hatte, denn dieses musste sie nun mit ihrem Daumen abdichten, um ein Blutbad zu verhindern:



Nachdem wir einen Druckverband angelegt hatten, und an Weiterklettern nicht zu denken war, machten wir uns an die heikle Aufgabe des Abseilens, wo beim Klettern in der Regel mehr Unfälle passieren als beim Aufstieg. Immerhin befanden wir uns fast auf halber Höhe der Stadelwand, in etwa 100 m Höhe. Zum Glück hatte Renate die Ruhe bewahrt und so verlief der Abseilakt ohne weitere Zwischenfälle. Als wir am Wandfuss ankamen, war es regnerisch & kühl, die Wand war in Nebel getaucht, und wir waren uns einig dass es eine gute Entscheidung war umzukehren, da uns ja auch noch der Abstieg durchs Geröllfeld und den Stadelwandgraben bevorstand...



Beim Weichtalhaus angekommen, wurde uns vom Hüttenwirt empfohlen ins nahegelegene Krankenhaus in Neunkirchen zu fahren um die Wunde überprüfen zu lassen. Und wie sich dort am Röntgenbild herausstellte, war von Renate's Schienbein tatsächlich ein kieselsteingrosser Knochensplitter herausgebrochen, welchen der diensthabende Chirurg nun unter lokaler Betäubung entfernen musste. Ich fühlte mich unweigerlich an INGLORIOUS BASTERDS (die Szene, wo Brad Bitt mit dem Zeigefinger in Diane Kruger's Bein herumbohrt!) erinnert... aber Renate überstand auch diese Horror-Einlage einigermassen cool. Zur Belohnung gingen wir anschliessend zum Chinesen in Neunkirchen essen, wo Renate bereits wieder entspannt lächeln konnte, und gönnten uns später im Weichtalhaus trotz unverrichteter Dinge die mehr als verdiente "Gipfeltschik" (a.k.a. "Spasszigarette") vorm Schlafengehen ;-)







Und dass wir die Richterkante nicht so einfach ad acta legen konnten, war uns auch klar - zu schön waren die ersten Seillängen, besonders der Doppelriss in der vierten hatte es mir angetan. Somit war klar dass wir - nachdem Renate's Schienbein wieder zugeheilt war - die Tour nochmals in Angriff nehmen wollten, und der 11. Juli wurde als 2. Versuch im Kalender eingetragen. Was wir dabei nicht bedachten: die Stadelwand ist eine Südwand und daher besonders sonnenexponiert, und natürlich wurde der 11. Juli 2010 einer der heissesten Tage des Jahres. Dass wir uns dennoch einbildeten an diesem Tag (wir waren diesmal zu dritt unterwegs, auch Knolly war mit von der Partie) die Richterkante klettern zu können, grenzt im nachhinein betrachtet fast schon an Übermut. Auch wenn wir mittlerweile den Einstieg der Route kannten, war klar dass wir wohl erst gegen Mittag in die Wand einsteigen könnten, und somit gut 4-5 Stunden am frühen Nachmittag in der aufgeheizten Wand verbringen würden, eigentlich ein leichtsinniges Unterfangen. Doch es sollte gar nicht soweit kommen: beim schweisstreibenden Zustieg durch den Stadelwandgraben rutschte ich nämlich mit dem rechten Bein ab, und zog mir beim Versuch mein Gleichgewicht zu halten eine äusserst schmerzhafte Zerrung im linken Oberschenkel zu!



Schnell war klar, dass ich den Aufstieg nicht würde fortsetzen können, und da Renate und Knolly mich nicht zurücklassen wollten, traten wir erneut den Rückzug an, für den ich - gestützt von Renate, während Knolly meinen Rucksack ins Tal trug - fast 2 Stunden brauchte... unten angekommen, verschaffte ein kurzes Bad im kalten Wasser der Schwarza zumindest noch ein wenig Trost & Schmerzlinderung. Und wir beschlossen, es noch ein 3. Mal zu versuchen - man soll sein Glück ja nicht zwingen, aber auf einen letzten Versuch im Spätsommer wollten wir es noch ankommen lassen.

Am 28. August war es dann soweit: mit ungebrochenem Optimismus und Glückskeksen bewaffnet fuhren wir wieder ins Höllental. Die Anreise erfolgte diesmal bereits am Tag davor, wir übernachteten nämlich bei einer Freundin in Reichenau. Dadurch waren wir dann am 29. August auch etwas schneller am Start, den Zustieg fanden wir mittlerweile bereits im Schlaf, aber dennoch war es wieder nach Mittag als wir bei sonnigem, aber windigem Wetter in die Wand einstiegen. An exponierten Stellen hatte man als Sichernder doch ziemlich mit dem Auskühlen zu kämpfen. Die 2. Seillänge war immer noch eine Herausforderung, aber Renate löste sie diesmal schon souveräner, und auch ich trat besonders vorsichtig, um nur ja keinen Stein loszutreten. Am ominösen Standplatz vor der 5. Seillänge gab es eine kurze Stärkung mit den Glückskeksen, die uns unsere besorgte Freundin Michi extra mitgegeben hatte:





Danach gab es eigentlich nur noch einen Zwischenfall - angeregt durch das viele Hochsteigen wollte mein Darm nicht länger mit der Entledigung des Frühstücks warten, und ich musste während der 7. Seillänge wieder einmal als der legendäre "Stoascheisser Koarl" in Aktion treten. Detail hierzu erspare ich Euch. Erleichtert nahm ich dann jedenfalls den Endspurt in Angriff, in der 8. Seillänge kehrte auch die Sonne wieder zurück und mir wurde, auch aufgrund der fordernden Kletterei in diesem Abschnitt, nochmal so richtig warm. Bei Renate und mir machte sich bereits vorsichtige Euphorie breit :-)





Während ich die 9. Seillänge vorstieg, konnte ich auch schon einen Blick auf den Ausstiegspfeiler erhaschen, der nun als Krönung auf Renate wartete:





Der mit dem glatten 6. Grad bewertete Austiegsriß erwies sich weniger schwer als erwartet, vor allem war er gut mit Bohrhaken versorgt, und von mir direkt unterhalb stets gut einsehbar, was das Sichern doch erleichtert. Vor allem waren wir schlicht und einfach nicht mehr aufzuhalten! Wenig später erreichten wir dann den letzten Baum und somit den Ausstieg aus der Direkten Richterkante - exakt 113 Tage nachdem wir erstmals den Einstieg betreten hatten! ;-)



Umso größer war auch die Freude und Genugtuung, dass wir dieses Projekt doch noch vollenden konnten! Nachdem der Abstieg auch noch sehr zeitraubend war und wir erst mit Einbruch der Dunkelheit im Tal beim Auto ankamen, verzichteten wir auf den geplanten Besuch beim Chinesen in Neunkirchen und belohnten uns stattdessen bei einem Japaner auf der Wienzeile - an dieser Stelle nochmal danke für die Einladung, Renate!



CLIMBING PROJECT "DR 2010": MISSION ACCOMPLISHED! :-)