Samstag, 27. August 2011

The Gorge & More

Wes & Shelley Rogers, meine Gastfamilie in Portland, waren schwer beeindruckt als ich Ihnen schilderte was ich bereits alles in den USA gesehen hatte, bevor ich bei Ihnen in Oregon ankam. "You've hit all our favourite spots!" meinte Wes begeistert, und ich freute mich im Stillen über das Kompliment. Immerhin hatte ich beträchtliche Zeit in das Vorbereiten meiner Reiseroute(n) investiert. Schon Monate vorher, ab dem Zeitpunkt da die Reise mehr oder weniger feststand, hatte ich mich intensiv meinen Reiseführern gewidmet und viele Orte bereits im Kopf besucht.

Für den 2-wöchigen "National Park Loops" mit Martin & Dieter hatte ich sogar einen Masterplan erstellt und den beiden per email zugesandt. Die beiden waren anfangs nicht ganz glücklich damit - Martin bevorzugt eher den laissez-faire Reisestil (quasi sich herumtreiben und treiben lassen) und lässt sich lieber von einer Destination überraschen als vorher schon alles zu wissen; Dieter wiederum reist gerne auch im Kopf, hatte aber keine Freude mit dem recht straffen Zeitplan, der sinngemäß vorsah pünkltich zur Halbzeit unserer Reise in Las Vegas zu sein, und seiner Meinung nach zu wenig Raum für Improvisation zuliess.

Ich konnte die Bedenken beider durchaus verstehen - auch ich mag es, mich auf Reisen gelegentlich treiben zu lassen oder auch einen Tag einfach nur zu faulenzen. Aber wie hat Louis Pasteur es so schön formuliert? "In the field of discovery, chance favours only the prepared mind." Auf Reisen umgemünzt (und diese fallen für mich ebenfalls in die Kategorie "discovery") könnte man sagen: je besser man auf eine Reise vorbereitet ist, desto mehr kann man draus machen.

Multnomah Falls, Columbia River Gorge

Reiseführer der Lonely Planet Reihe sind dabei extrem hilfreich wie ich finde - so etwas wie der Mercedes unter den Individualreiseführern, sind diese Reiseführer von der ersten bis zur letzten Seite dicht gepackt mit Informationen. Manche finden sie unübersichtlich, oder bemängeln das Fehlen von Bildern, aber ich finde sie genial. Meist von mehreren einheimischen Experten in jovialem Tonfall geschrieben (ich kaufe sie daher prinzipiell auf Englisch) hat man beim Lesen immer das Gefühl, mit Insidertipps versorgt zu werden, und tatsächlich ist das meistens auch der Fall. Erst letztes Jahr hab ich mir den Lonely Planet Austria zugelegt, und ich kann nur jedem raten dasselbe zu tun und auf diese Weise seine Heimatstadt bzw. sein Heimatland neu zu entdecken! Ausserdem hat man mit diesen Reiseführern auch ein perfektes Nachschlagewerk um Besucher herumzuführen, oder Couchsurfern bei der Orientierung zu helfen!

Für die USA hatte ich gleich 4 Lonely Planet Guides in Verwendung: "Kalifornien", "Southwest USA", "Pacific Northwest" & den etwa 1000 Seiten starken Wälzer für die gesamte USA. Letzterer war, nachdem die 3 erstgenannten die meisten meiner geplanten Reiseziele grösstenteils ausführlicher abdeckten, fast überflüssig, aber ein paar Dinge wie Chicago & The Great Lakes oder Denver & The Rocky Mountains waren dann doch wichtig, und in keinem der 3 anderen Bücher enthalten. Ausserdem kann ich diesen Reiseführer nützen falls ich jemals vorhaben sollte einen auch nur annähernd so monumentalen Trip an die Ostküste der USA unternehmen (die einzigartige Möglichkeit der Bildungskarenz hab ich nun leider ausgeschöpft, also müsste ich mir dafür wohl was anderes einfallen lassen, haha).

Die Lonely Planet Führer eignen sich aber nicht nur zur Vorbereitung einer Reise, sondern auch und vor allem zum Improvisieren vor Ort. Es gibt fast keine points of interest, die man darin nicht finden würde, selbst wenn man auf so ausgefallene Dinge wie Nussknacker-Museen oder Schwulen-Rodeos steht! Vieles darin mag letztendlich Ballast sein, den man nie im Leben bzw. auf seiner Reise brauchen wird, aber dasselbe kann man über Schulbücher auch behaupten. Im Idealfall helfen einem die lonely planets, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und so war es auch am vergangenen Wochenende in Oregon: geplant war lediglich ein Wochenendausflug an die Columbia River Gorge, herausgekommen ist ein genialer Roadtrip durch Northern & Central Oregon!

Painted Hills (John Day Fossil Beds), Oregon

Die Columbia River Gorge (eine breite Schlucht die der mächtige Columbia River ins Land gefräst hat) stand schon seit vielen Jahren auf meiner Wunschliste, seitdem ich in einem Buch meines Vaters ("Windsurf Traumreviere aus aller Welt" oder so ähnlich...) darüber gelesen hatte. Darin war von heftigen Winden und umgewehten Sattelschleppern die Rede, und während ein Fernfahrer solches Terrain wohl lieber meidet, macht sich ein Windsurfer lieber heute als morgen auf den Weg dorthin; das ehemals verschlafene Städtchen Hood River ist dank seiner einzigartigen Bedingungen in den letzten 30 Jahren zur Windsurf-Hauptstadt der USA aufgestiegen: kalte Pazifikluft wird in östlicher Richtung ins warme Landesinnere "gesaugt" und durch den Tunneleffekt der Gorge beschleunigt; gleichzeitig fliesst der Columbia River mit recht hoher Strömungsgeschwindigkeit in westlicher Richtung in den Pazifik. Diese entgegengesetzt wirkenden Kräfte sorgen einerseits dafür dass der Windsurfer nicht "an Höhe verliert" und andererseits für einen ziemlich heftigen "Chop" (Wellengang, dh. Rampen zum Springen). Die Breite des Flusses erlaubt es den Windsurfern ausserdem, ausgiebig übers Wasser zu flitzen und trotzdem nie allzuweit vom Land entfernt zu sein. Und aus diesem Grund hatte ich mir auch meinen Neoprenanzug eingepackt bevor's in die USA ging. Ich bin nämlich leider schon viel zulange auf keinem (Wind)Surfbrett mehr gestanden und wollte das gerne ändern.

Als ich erfuhr dass man in Hood River ohne Auto ziemlich aufgeschmissen ist, beschloss ich mir für das Wochenende ein Auto zu leisten. Mein Quartier, das Columbia Gorge Hostel, lag auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses in Bingen, Washington - und laut Auskunt eines Angestellten war es gar nicht möglich die Zollbrücke per Fuss zu überqueren. Ausserdem liegen die Windsurfspots an der Gorge, deren Qualität je nach Windverhältnissen stark schwanken kann, teilweise meilenweit auseinander und sind ohne Auto kaum zu erreichen. Auch für mein Ersatzprogramm bei Flaute, die Oregon Falls, war ein Auto unverzichtbar. Derlei Argumente bewogen mich dann doch ein Auto zu mieten, und ENTERPRISE in Hood River stattete mich für das Wochenende mit einem schwarzen Mitsubishi Galant aus.

Damit eröffneten sich plötzlich ganz neue Optionen, und aus meinem geplanten Windsurf-Wochenende in Hood River wurde am Ende ein etwa 300 Meilen umfassender Roadtrip durch Northern & Central Oregon während dem ich so unterschiedliche Naturschönheiten wie die Multnomah Falls (die fünfthöchsten Wasserfälle des Landes und wohl die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in Oregon), das Warm Springs Indianer-Reservat, den spektakulären Lake Billy Chinook, die unheimlichen Painted Hills (John Day Fossil Beds National Monument) und das Traum-Klettergebiet Smith Rock zu sehen bekam.

Sonnenuntergang & Rauch von entfernten Waldbränden in Smith Rock, Oregon

Ausserdem legte ich auf halber Strecke eine Nacht im kultverdächtigen Oregon Hotel im 80-Seelen-Dorf Mitchell ein - für mich die authentischste "Wild West"-Stadt nach Bodie in Kalifornien, mit dem grossen Unterchied dass Mitchell aber auch heute noch bewohnt ist, während Bodie den Elementen überlassen wurde.


Als ich am Sonntag nachmittag nach Hood River zurückkehrte, blutete mir zwar kurz das Herz als ich von der Terasse der "Full Sail Brewery" zahlreiche Windsurfer über den Fluss flitzen sah (im Surfshop wurde mir am Vortag Flaute prognostiziert...), aber man kann eben auch nicht alles haben. Ich habe aus diesem Wochenende sicherlich trotzdem das Maximum rausgeholt, und zurück in Portland, tröstete mich Wes' frischgefanger BBQ-Lachs beim Abendessen schnell darüber hinweg. Wes staunte nicht schlecht dass es mich bis nach Mitchell verschlagen hatte, seine Frau Shelley war überhaupt noch nie dortgewesen! Und somit konnte ich den "Beaver State" (Oregon) zufrieden abhaken, und am nächsten Morgen mit dem Coast Starlight in Richtung "Evergreen State" (Washington) weiterreisen!

Dienstag, 23. August 2011

"Keep Portland Weird!" Week 20)

Call it what you want: PDX, Stumptown, oder City of Roses... Portland ist ein ziemlich cooles Pflaster. Ursprünglich ein Epizentrum der Holzfällerindustrie und daher mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen "Stumptown" (aufgrund der vielen gefällten Bäume) versehen, steht die grösste Stadt Oregons heute für alles coole, liberale & vorwärtsdenkende in den USA. Portland gilt neben Seattle als eine der lebenswertesten Metropolen des Landes und hat sich trotz des kontinuierlichen Wachstums einen gewissen hemdsärmeligen Charme behalten. Die Bewohner sind hilfsbereit, freundlich & offen - das durfte ich bereits letzten Dezember in einer Starbucks Filiale in Wien am eigenen Leib erfahren - dort traf ich nämlich meine Gastgeber Wesley & Shelley Rogers zum ersten Mal! Sie waren über Weihnachten zu Besuch bei ihrer Tochter, die für eine christliche Organsation in Slowenien arbeitet, und unternahmen an jenem Tag gemeinsam einen Ausflug nach Wien. Und da die Tochter einige Jahre für Starbucks in Portland gearbeitet hat, mussten sie natürlich auch in Wien auf einen Kaffee beim mittlerweile weltgrössten Kaffeeröster einkehren. Als sie es sich in der Filiale am Michaelerplatz in einer Ecke bequem gemacht hatten, fiel ihnen auf dass der junge Mann neben ihnen in den Lonely Planet Guide "Washington, Oregon & The Pacific Northwest" vertieft war. Nachdem das ihre Heimat ist, waren sie natürlich neugierig und fingen ein Gespräch mit dem jungen Mann an, der ihnen daraufhin mitteilte dass diese Gegend Teil seiner USA Reiseroute im nächsten Jahr sei. Den Rest könnt ihr Euch denken: der junge Mann beeindruckte Shelley mit seinem Wiener Schäh & Wes mit seinen Baseball-Kenntnissen, und bald war eine Einladung nach Portland, Oregon ausgesprochen. Und ich bemühte mich fortan den Kontakt per email zu pflegen und die Familie über meine Pläne am laufenden zu halten, denn Portland war für mich von Beginn an ein absolutes Highlight meiner USA Reise!

Nicht nur dass mir die Stadt aufgrund ihrer Musikszene (The Dandy Warhols, Elliott Smith, Stephen Malkmus & The Jicks u.v.m.) bereits vorher ein Begriff war - der Film "Cold Weather", (klickt auf den Link um den Trailer zu sehen!) mit dem ich im November die Viennale 2010 eröffnet hatte, war der ultimative Teaser: eine Mischung aus Slacker-Komödie, Geschwisterporträt und Detektiv-Geschichte, die in Portland angesiedelt ist und in der die Stadt fast unmerklich eine Hauptrolle einnimmt. Der junge Regisseur Aaron Katz war damals beim Viennale-Screening anwesend, und ich hatte anschliessend am Wiener Badeschiff auch die Gelegenheit ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Wie viele ist auch er nach Portland "hinzugezogen" und hat als Bücherwurm das kühl-feuchte Klima der Stadt (Lesewetter!) als Bereicherung empfunden. Mit "Cold Weather" wollte er neben einer kleinen Hommage an Detektivgeschichten auch die charakteristischen Lichtverhältnisse der Stadt einfangen - die Art von silbergraublauem, wolkenverhangenen Himmel, den ich während meines Aufenthaltes allerdings nicht allzu oft zu sehen bekam, da ich - sehr zur Freude von Wes & Shelley - durchgehend schönes Wetter nach Portland brachte. Laut meinen Gastgebern hatte es kurz zuvor noch sehr viel geregnet, aber ich bekam während meiner Woche keinen einzigen Regentropfen zu spüren - eine Seltenheit in Portland.


Kein Lesewetter also, und dementsprechend war meine Woche dicht gefüllt mit Programm: Dienstag & Donnerstag erkundete ich die Stadt und brachte jeweils an den Vormittagen auch Besuche im nahegelegenen West Linn Yogastudio unter (am Dienstag nahm ich an einer Klasse teil, und am Donnerstag unterrichtete ich selbst meine 3. Klasse). Portland hat neben seinen ausgedehnten Grünflächen durchaus schöne Architektur zu bieten, besonders den Pioneer Courthouse Square und das Portland Building mit seiner Riesen-Bronzestatue "Portlandia" (quasi die Glückspatronin der Stadt) fand ich sehenswert. Was Portland aber besonders lebenswert macht, sind die Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens: kostenloser öffentlicher Verkehr im "fareless square" (ein ziemlich grosser Quadrant, deutlich grösser als etwa unsere "Innere Stadt"), sensationell gutes & erschwingliches Essen an den sogenannten "Food Carts" (kleine mobile Küchen die von kubanischer bis polnischer Küche für jeden Gaumen etwas zu bieten haben), der grösste unabhängige Buchladen weltweit (Powell's City of Books, eine Buchhandlung die einen ganzen Häuserblock und mehrere Stockwerke umfasst), zahlreiche "funky" Cafés abseits der unvermeidlichen Starbucks Filialen (Stumptown Coffee ist ein lokaler Favorit, mein persönliches Lieblingscafé war aber das Bipartisan Café in East Portland), und die urigen McMenamins Pubs (die herausragenden Vertreter einer ganze Reihe von Microbreweries - in Oregon gelten andere Gesetze, und die Bierlokale dürfen ihr eigenes Bier brauen & verkaufen - Portland ist sozusagen Amerika's München).

Portland's "Food Carts", der Stadt letzter Geniestreich

Portland ist auch ein Paradies für Radfaher, mit einem ausgedehnten Netz an Fahrradwegen und etlichen Shops in allen möglichen Stadtvierteln, die sich der Kundschaft auf 2 Rädern widmen. Was mir ausserdem sehr positiv auffiel: es gibt hier tatsächlich noch gut funktionierende Videotheken (Movie Madness, 72nd & Belmont) und Musikläden (Everyday Music, Burnside Ave), die zahlreiche Filme & CD's auch second-hand, und somit wesentlich günstiger verkaufen, für Musiksammler wie mich ein gefundenes Fressen! Portlanders sind umweltbewusst, bemühen sich lokale Produkte zu kaufen, und örtlichen Anbietern den Vorzug gegenüber grossen Handelsketten zu geben. Das gilt für Lebensmittel offenbar ebenso wie für Musik-CD's. Somit war die Stadt für mich ein regelrechtes Shopping-Paradies, und ich war froh meinen Beitrag zum Überleben dieser Geschäfte beitragen zu können: ich erstand sehr günstig 4 Bücher, 3 CD's und 2 DVD's, darunter Jeff Tweedy live in the Pacific Northwest, nicht nur ein ansprechendes Stück Musik, sondern gleichzeitig auch ein schönes Souvenir (der Film begleitet den Wilco-Frontman bei einer kleinen Akustiktour durch Washington & Oregon).


Portland ist aber nicht nur angenehm lebenswert; ein inoffizielles Motto der Stadt lautet "Keep Portland weird!" - ein beliebter Bumper-Sticker-Spruch den ich auch mehrfach auf Stoßstangen entdeckt habe. Die Stadt hat beispielsweise den kleinsten Park Oregons: Mills End Park, exakt 24 Inches (also etwas mehr als ein halber Meter) im Durchmesser! Süss, oder? Und ich bin sicher dass ich, was Portland's weirdness betrifft, gerade mal an der Oberfläche gekratzt habe - Marc Gray in San Diego erzählte mir von einem "Strip-Karaoke" dem er in PDX einmal beiwohnen durfte... achja hab ich schon erwähnt, dass Portland auch die meisten Stripclubs per Einwohner hat? - aber Shelley & Wes sind brave Christen, und ich glaube mit solchen Plänen hätt ich mich ziemlich in die Nesseln gesetzt (von meiner Freundin ganz zu schweigen!) Ich beschränkte mich daher auf einen Besuch im Kino (mein erster Kinobesuch überhaupt in den USA!) - und das ist in Portland ebenfalls ein Erlebnis für sich! Natürlich gibt es hier wie in allen amerikanischen Städten reichlich Multiplex-Kinos; die wahre Attraktion besteht allerdings in kleinen, urigen Kinos die "2nd runs" (Filme die vielleicht vor 1 oder 2 Monaten in den führenden Kinos liefen) zum Spottpreis von 4$ zeigen. Zudem kann man sich an der Kassa mit leckeren Pizzaschnitten und lokalen microbrews eindecken! Auch einige der McMenamins Pubs (die sich generell auf das Restaurieren alter, historischer Gebäude spezialisiert haben) wie beispielsweise Kennedy School oder The Edgefield bieten solches "Pizza&Bier-Kino" an (in der Kennedy School sitzt man angeblich in alten Klassenzimmern auf gemütlichen Sofas), ich war jedoch im Academy Theater, einem kleinen aber feinen Kino aus den 70ern, wo ich mir passenderweise den Slacker-Klassiker "Dazed & Confused" aus den frühen 80ern angesehen hab. Mit dem Film konnte ich weniger anfangen (er behandelt ein Stück amerikanischer Popkultur - das High-School-Leben in den späten 70ern - mit dem ich einfach wenig vertraut bin, aber er bot immerhin einige bekannte Schauspieler in frühen Rollen, u.a. einen dauerbekifften Matthew McConaughey) aber das Gesamterlebniss war allererster Güte - zum Film genoss ich nämlich 2 Schnitten Flying Pan Pizza (mitten im Film ging ich raus und holte mir Nachschub) und ein Chocolate Amber (ein dunkles Schokolade-Bier) - das muss man Portland erst einmal nachmachen! Ich wittere eine Geschäftsidee für Wien, obwohl ich mich frage wie diese Kinos überleben bei den Eintrittspreisen...?


Abgesehen von all diesen Annehmlichkeiten hat Portland aber vor allem einen Riesenvorteil zu bieten: die geographische Lage. Wen kümmert schon das bisschen Regen, wenn man innerhalb einer Stunde surfen (an der wunderschönen Oregon Coast), windsurfen (in der einzigartigen Columbia River Gorge), snowboarden (am ganzjährig schneebedeckten Mount Hood) oder Kajakfahren (am berüchtigten Rogue River) gehen kann? Portland ist ein Paradies für jeden der ein hip-urbanes Flair (nicht zu verwechseln mit bemühter Coolness, das kommt in Portland nämlich weniger gut an: "cool without an attitude" lautet das Erfolgsrezept) mit unterschiedlichsten Outdoor-Aktivitäten verbinden möchte. San Francisco bekommt von mir zwar weiterhin den Preis für die objektiv schönste & spektakulärste Stadt der USA, aber Portland könnte ich mir sehr gut als "meine Stadt" vorstellen. Einziger Haken dabei: die Stadt hat kein eigenes Major-League-Baseballteam! Und es kommt noch schlimmer: sogar das bislang einzige Minor-League-Team, die Beavers, wurden (man lasse sich das auf der Zunge zergehen) durch ein Soccer-Team (der ordinäre Fussball, wie man ihn bei uns kennt!) aus ihrem Stadion und der Stadt verdrängt! Dislike! Aber auch das ist wohl ein Indiz dafür, dass in Portland die Dinge etwas anders laufen als im Rest Amerikas. Soll mir recht sein, ich find PDX trotzdem cool, und in diesem Sinne: "Keep Portland weird!"

Portlandia

Sonntag, 21. August 2011

Wiedersehen in Elk Grove!


Mit Sacramento, einst Ausgangspunkt des Goldrausches und nun Hauptstadt Kaliforniens, konnte ich nach Los Angeles, San Francisco, San Jose, Oakland & San Diego nun auch die letzte Metropole Kaliforniens als "besucht" abhaken. Und es gab gleich ein doppeltes Wiedersehen zu feiern; erstens mit Calexico, die ich nach dem Open-Air-Konzert in Saratoga am 1. Juli in Sacramento am 18. August ein zweites Mal zu sehen bekam; und zweitens mit Adam Kelly, einem Kollegen aus der Group 10 während des Bikram Yoga Teacher Trainings. Er hatte bereits während des Trainings einen Job in Elk Grove, einem Vorort von Sacramento, ergattert und unterrichtete dort mittlerweile seit einem Monat.

Nachdem Sacramento ausserdem eine Drehscheibe des AMTRAK Streckennetzes ist und ich hier vom California Zephyr in den Coast Starlight umsteigen musste, war es naheliegend gleich ein paar Tage in der kalifornischen Hauptstadt zu verbringen und mir bei der Gelegenheit auch das California State Railway Museum anzusehen. Nachdem ich soviel mit der Bahn unterwegs bin, war es natürlich interessant ein bisschen mehr über die Geschichte der Eisenbahn in den USA zu erfahren, und das Museum erfüllte diese Erwartungen in jeder Hinsicht. Neben den alten Zügen & Waggons fand ich vor allem die Schauräume zur Entstehung des Schienennetzes interessant. 1862 unterzeichnete Präsident Abraham Lincoln den "Pacific Railway Act", und ebnete damit den Weg für die erste transkontinentale Eisenbahnstrecke, welche gleichzeitig von Sacramento (in östlicher Richtung) bzw. dem Missouri River (in westlicher Richtung) errichtet wurde. Die Verlegung des Streckennetzes erfolgte in Rekordtempo (der 1867 aufgestellte Rekord von 10 Meilen an einem einzigen Tag steht bis heute!) und es brauchte geschätzte 21 Millionen Hammerschläge bis zur Fertigstellung. Tausende Arbeiter aus der chinesischen Provinz Kwantung wurden dafür "importiert", und sollten den Grundstock für die vielen "Chinatowns" bilden, die daraufhin in den Städten an der Westküste entstanden. Am östlichen Ende der Strecke wurden vor allem Ex-Soldaten und irische Immigranten für die Arbeiten herangezogen, und ich brauche wohl nicht zu verraten welche der beiden Gruppen schon damals die effizientere war!


Die chinesichen Immigranten waren hauptverantwortlich für das Verlegen der Schienen durch die Sierra Nevada, eine beschwerliche und gefährliche Arbeit. Tunnels mussten mit Schwarzpulver freigesprengt werden (nachdem sich das neue Nitroglyzerin als zu gefährlich erwies) und aufgrund der strengen Winter in der High Sierra mussten rund 60 Kilometer der Strecke mit Holzhütten überdacht werden, um die Strecke schneefrei zu halten. Lawinen im Winter und Feuergefahr durch die alten Dampfloks im Sommer machten die woodsheds jedoch anfällig für Zerstörung, und sie wurden später durch Blechhütten ersetzt. Heute kommt man mit nur sechseinhalb "überdachten" Kilometern durch den Winter. Das Railroad Museum befindet sich in Old Town Sacramento, wo Häuser im Stile der Goldgräberzeit restauriert wurden, und - ähnlich wie bei uns die Fiaker - Pferdekutschen verkehren, um das Flair dieser Tage aufrechtzuerhalten.


Die grösste Attraktion in Downtown Sacramento ist das State Capitol, bis vor kurzem noch Arbeitsplatz von Ex-"Gouvernator" Arnold Schwarzenegger:


Im Zuge des Calexico Konzerts im Ace of Spades lernte ich ja Amabelle & Jim, ein sehr nettes Paar aus Sacramento kennen. Jim hat viele Jahre für den San Francisco Chronicle gearbeitet. Er war dort Arbeitskollege von Paul Avery, jenem Reporter der im True-Crime-Film Zodiac von Robert Downey Jr. dargestellt wird, und natürlich konnte ich es mir nicht verkneifen ihn ein bisschen über den "echen" Paul Avery auszufragen. Als Journalist für die Sacramento Press hatte Jim später auch gelegentlich mit der steirischen Eiche zu tun, aber als ich ihn fragte was er denn von unserem bekanntesten Österreicher halte, meinte er nur: "He's very full of himself. I like you more!" Sowas hört man natürlich gerne. Ich logierte im HI-Hostel in Sacramento auch fast so nobel wie Arnold, aber für nur 25$ pro Nacht!


Für die 2 weiteren Nächte übersiedelte ich dann allerdings zu Adam nach Elk Grove, ein idyllisches Fleckchen Suburbia etwa 12 Meilen südlich von Sacramento, wo Adam gemeinsam mit Joe Garrido, einem Yogalehrer aus Chicago, ein schönes Haus inkl. Swimmingpool bezogen hat. Das haben die beiden einer Yoga-Studentin aus dem Studio zu verdanken: deren Mutter hat einen Schlaganfall erlitten und befindet sich bis Oktober in einer Rehab-Klinik; da sie das Haus momentan nicht nutzen kann, hat die Tochter das Haus vorübergehend zum Freundschaftspreis an das Studio vermietet, welches nur 10 Minuten entfernt ist. Wir konnten am Samstag zu Fuss zur 8 Uhr Yogaklasse gehen, ansonsten verbrachte ich meine Zeit hauptsächlich mit dolce far niente am Swimmingpool.


Am Freitag waren Adam & ich im einzig nennenswerten Lokal von Elk Grove eine Runde Billard spielen. Wie schon zuvor Marc Gray in Tijuana hatte auch Adam meinen Künsten am Billardtisch nichts entgegenzusetzen und verlor mit 0:2. Das Lokal hatte immerhin auch gleichzeitig eine Classic-Rock-Band, Sportfernsehen & eine passable Küche zu bieten, nur junge Leute scheinen in Elk Grove etwas Mangelware zu sein, und das gilt - zum Leidwesen Adam's - auch fürs Yogastudio.


Am Samstag schlief ich um 18 Uhr während eines Baseballspiels vor dem Fernseher ein und wachte erst um 23 Uhr wieder auf. Mein Schlafrhythmus scheint noch ein bisschen durcheinander vom Konzert und der langen Bahnfahrt mit dem California Zephyr. Und nachdem ich am Sonntag exakt um Mitternacht den Coast Starlight in Richtung Pacific Northwest besteigen werde, werd ich wohl auch in Portland/Oregon (geplante Ankunft Montag 15:30) erstmal einen Tag zur Erholung brauchen!

Freitag, 19. August 2011

The Zephyr Song


"How the hell can you miss a train that's 8 hours late?", i was cursing at myself on Wednesday noon, because for a moment i was worried that i might actually pull it off. Getting up early that morning, my couchsurfer's girlfriend, who works for Wells Fargo in Denver, gave me a ride to the AMTRAK station, where i found out that my train - the westbound California Zephyr, scheduled to leave at 8:05 am - would not even arrive until 2 in the afternoon! Not that i am really on a tight schedule or anything during my half-year sabbatical, but it meant that eventually my train would also arrive later in Sacramento and i had already bought tickets for Calexico's show at the Ace of Spades with some other friends that i didn't wanna leave hangin' in the air.

Of course, the train covers a lot of ground between Chicago and San Francisco (just my segment from Denver to Sacramento is a 30-hour trainride), so some delays should be expected. And i did expect them, but i couldn't have foreseen a flooding of traintracks by the Mississippi River, which caused major delays after several freight trains had to be directed onto the Zephyr's tracks! Anyway, i checked in my luggage and decided to head to the Tattered Cover Bookstore in Denver again, to wile away the hours in one of their cozy reading nooks.

After that i had a burger (i figured it was actually a good thing to be able to have lunch before, because food on the train is usually not very cheap and not very good either) and then tried to make a shortcut to the improvised AMTRAK Station near Coors Field (the old Union Station is currently under construction), but that backfired on me, i got lost and actually had to backtrack and round the entire Coors Field again to finally get to the station. I arrived at 2 pm, soaked in sweat, only to find out that the train had been delayed some more and wouldn't be there until 3:30 pm... and it was 4 pm when i finally boarded it!

One of the world's great trains, the California Zephyr travels for two days and nights over farmland, prairie, deserts, rivers and mountains. Western pioneers came this way, as did gold prospectors, the Pony Express and the first long-distance telegraph line. The Zephyr follows America's earliest transcontinental rail route for much of the 2438-mile (almost 4.000 km) journey, and many people take this train just to explore the Rocky Mountains. It usually leaves Chicago early in the afternoon to arrive in Omaha late in the evening and Denver by early next morning. You then reach Salt Lake City by midnight on the second evening, Reno the following morning and San Francisco (or rather, its train station in Emeryville) early in the evening. Now this whole schedule was of course jumbled due to the delay, but that meant i could see the beautiful Rocky Mountains at sunset. In the early evening the train rolled into the Ski Resort of Winter Park, where we could shortly hop off the train to take a breath of "fresh Colorado Air" (it was mostly cigarette smell from the smokers who used the break for lighting up).

At 8.30 i walked back to the dining car to have dinner. Of course it was overpriced and not particularly good, but i expected that and dining on a train is something special that i'm willing to pay a few extra bucks for. Also, the Californian Zinfandel wine was tasty, and after a cup of tea i was satisfied, happy and ready to retreat to my coach for the night. The Superliner Coaches on AMTRAK's long-distance trains are actually very comfortable (equal to first-class flying, i guess), especially if you can occupy a pair of them. With the 2 provided electric outlets i can recharge my phone or camera, while working on the computer for hours on end, which makes the connecting train rides of my journey the perfect time for blogging and summing up the experiences of places i just left, before they escape my memory or are faded out by new impressions. If you put up both leg rests, and are of my size, you can actually even nestle quite comfortably on the little "square bed" you've just created. I slept a good 6 hours and awoke at 7 a.m., as the train touched the edges of the Great Salt Lake, just past Salt Lake City, Utah.

After my little morning routine ("men all do about the same things when they wake up", as John Steinbeck put it so nicely in Cannery Row, the entertaining book i'm currently reading), i had a coffee in the Sightseer Lounge Car, probably the nicest part of an AMTRAK train. Those cars give great views through huge windows that extend part way over the roof. Here you can mingle with fellow passengers, read a book or just listen to your iPod (or rather, your girlfriend's iPod - thanks so much, Kati! (")>*) as the landscape floats by. The relaxed atmosphere on board seems to encourage Americans in particular to tell their life stories to a complete stranger - this special kind of friendliness is encouraged by the thought that, unless you make a considerable effort, you are unlikely ever to see them again.

As i am writing this, i am just crossing the deserts of Nevada. The 4-hour run from Salt Lake City to Elko (the Native American word for "white woman") was the longest stretch without a scheduled halt on the entire AMTRAK system. The smokers on board were in agony, but for me it was pure bliss! And as I'm moving back from Mountain to Pacific Time, i'm also gaining an hour back, still hoping to make that Calexico Gig with my friends in Sacramento tonight! The concert starts at 7 pm and includes an opening act that will probably play for an hour or so, meaning that the boys from Tucson will probably enter the stage around 8:30 pm. Right now it is 11:30 am, and from my next stop in Winnemucca, Nevada (an old gold town whose First National Bank was robbed in 1900 by Butch Cassidy's gang) it's still an 8-hour train ride to Sacramento... i think it will be a close call! At least i don't have to worry about dinner anymore - because of the delay AMTRAK is giving out free dinner for everybody on board tonight!



Mile High! (Week 19)


Nach jeweils 4 kurzweiligen Stunden im Southwest Chief bzw. einem AMTRAK Verbindungsbus kam ich am Montagabend in der "Mile High City" Denver an - der Hauptstadt des Bundestaates Colorado, welchen ich ja bereits mit Dieter & Martin kurz für den Mesa Verde Nationalpark betreten habe. Es war offenkundig dass ich die karge Landschaft des Südwestens verlassen hatte, und zwar nicht nur was die Vegetation betrifft, sondern auch die Wirtschaft. Ein betrunkener New Yorker hatte mir ja bereits im Hotel Congress in Tucson erklärt, dass der Südwesten für Amerika ungefähr so ein Klotz am Bein wäre wie für uns Europäer die Portugiesen oder Griechen. Und auch wenn der Typ ein Idiot war, ganz unrecht hat er natürlich nicht - zwischen dem hektischen, aber lukrativen Berufsalltag an der Ostküste und dem Leben mit minimum wages (und maximum Margaritas) im Südwesten liegen natürlich Welten, und dementsprechend ist das Publikum natürlich ein ganz anderes. Mit dem Publikum verändert sich auch die kommerzielle Landschaft: mit 80% schlechtverdienenden Hispanics kann Starbucks eben nicht wirklich was anfangen, und dementsprechend hab ich in Tucson & El Paso auch vergeblich eine Filiale gesucht. In der 16th Street Mall in Denver wuchsen sie dagegen wieder wie Schwammerln aus dem Boden, und Corporate America war wieder allgegenwärtig: bereits aus dem Bus registrierte ich einen riesigen REI Store (mit integrierter Starbucks-Filiale) und schon von weitem leuchtete mir die eindrucksvolle Skyline und das gut besuchte Coors Field entgegen - jenes Baseballstadion wo ich am nächsten Tag Tickets für ein Spiel der heimischen Colorado Rockies hatte. Der Bus parkte direkt dahinter und während ich mein Gepäck am Gehsteig versammelte, feierten die Fans gerade einen Overtime-Homerun, der dem Team einen späten Sieg im 1. Spiel gegen Florida einbrachte.


Ich muss aber dazusagen dass Denver ein sehr gelungenes Beispiel von Corporate America ist - die Stadt ist äusserst gepflegt, bietet eine interessante Mischung aus alten & neuen Gebäuden, und besagte 16th Street Mall ist eine lange Fussgängerzone auf der nur (Gratis) Shuttlebusse verkehren dürfen und es ausserdem auch gratis public wifi gibt. Dazu kommen noch ein paar eher "unamerikanische" Highlights wie ein grosser, konzernunabhängiger Buchladen und zahlreiche gute Brauereien. Die bekannteste davon - Wyncoop - gehört sogar dem Bürgermeister. Ein weiteres Argument für Denver ist das tolle Wetter: ich hatte mir Denver aufgrund der bekannten Skigebiete in den umliegenden Rocky Mountains (Vail, Breckenridge) irgendwie kühler vorgestellt, aber die Stadt hat dieselbe Höhenlage wie Albuquerque und liegt am selben Breitengrad wie Südspanien. Die Winter in den Rockies sind schneereich, aber die Sommer sind warm und bieten viel Sonnenschein - beste Voraussetzungen also für sportliche Betätigung zu allen Jahreszeiten, und das ist den Menschen in Denver auch anzusehen. Die Stadt rühmt sich damit, die fitteste Bevölkerung der USA zu haben und tatsächlich machten die meisten Leute einen sehr sportlichen Eindruck.

So auch mein Couchsurfer Dave, der vor 3 Jahren aus dem Mittelwesten hierher gezogen ist und sich mit einer Haus- und Gartenbetreuung selbständig gemacht hat. Zuvor war er eineinhalb Jahre auf Weltreise, wobei es ihn auch für einige Tage nach Wien, Oberösterreich und in die Steiermark verschlagen hatte. Er war sehr angetan von Österreich und die Tatsache dass ich Österreicher bin, hat sicher dazu beigetragen dass er meine Couchsurfing-Anfrage (erst am Vorabend abgeschickt!) auch so kurzfristig akzeptiert hat. Ich bekam ein kleines Arbeitszimmer inkl. Bett in seinem schmucken Häuschen in Wheatridge zugewiesen.

Praktisch vorm Haus war eine Busstation, und so kam ich auch recht schnell und unkompliziert nach Downtown, wo ich gleich einmal die riesige REI Filiale aufsuchte. Der Store war deutlich grösser als jener in Tucson, und das Herzstück in der Mitte waren die imposanten "REI Pinnacles", eine Kunstwand zum Klettern die unter der Woche allerdings leider geschlossen ist. Ich war aber eh primär dort um mich nach einem Trinkwasser-System für mein nächstes Trekkingabenteuer im Olympic National Park umzusehen. Einerseits brauche ich einen Wasserfilter zur Trinkwasseraufbereitung und auch eine Trinkblase wäre sinnvoll, um mir das ständige Abnehmen des Rucksackes während Trinkpausen zu ersparen. Und ich glaube mit dem GravityWorks von Platypus habe ich auch das ideale Teil gefunden, da es nämlich beide Funktionen in sich vereint. Es ist mit 110 $ nicht der billigste Wasserfilter, aber es erspart einem das lästige Pumpen, hat eine hohe Filtrationsgeschwindigkeit (4 Liter in etwa 2 1/2 Minuten) und ist aufgrund des Mangels an mechanischen Elementen auch am wenigsten störungsanfällig. Es ist leicht und nicht sperrig, besteht quasi nur aus 2 Plastikbeuteln und dem dazwischengeschaltenen Filter. Die Beutel hängt man an 2 unterschiedlich hohen Ästen auf, und dann - ähnlich einer Infusion - erledigt die Schwerkraft den Rest (gravity works)! Ich werd noch ein paar Experten dazu befragen, mir das Teil aber aller Wahrscheinlichkeit nach beim nächsten REI Besuch zulegen. Die Filiale in Seattle soll ja angeblich auch eine riesige Kletterwand haben, und diesmal werde ich schauen dass ich dort bin wenn sie geöffnet hat...

Im riesigen Tattered Cover Bookstore in Denver hab ich annähernd 2 halbe Tage verbracht, jeweils gut 2-3 Stunden am Dienstagnachmittag bzw am Mittwochvormittag, nachdem sich herausstellte dass mein Zug 8(!) Stunden Verspätungen haben würde. Ich hab mir auch 3 Bücher gekauft, u.a. die Romanvorlage zu Moneyball, dessen Verfilmung (mit Brad Pitt in der Hauptrolle) Ende September in die Kinos kommt. Bin schon sehr gespannt und noch am Überlegen ob ich mir zuerst den Film ansehen oder das Buch durchlesen soll...? Es scheint jedenfalls der beste Baseball-Film seit langem zu sein - und angeblich ist er auch für Baseball-Laien sehr interessant!

Apropos Baseball: Dave, der in seiner Jugendzeit in Missouri selbst Baseball gespielt hat, begleitete mich dann auch zum 2. Spiel der Colorado Rockies gegen die Florida Marlins im Coors Field. Die Marlins revanchierten sich für die Niederlage vom Vortag und gewannen, obwohl die Rockies im letzten Inning noch einmal von 3-6 auf 5-6 herankamen! Coors Field gilt ja als ein Hitter's Park - aufgrund der dünneren Luft in der Mile High City fliegen Bälle dort besonders weit, und ein Ball der anderswo als Flyout im Handschuh des Outfielders endet, kann hier oft als Homerun über den Zaun gehen.

Die Rockies wissen mit dieser Besonderheit ihres Ballparks offenbar umzugehen, und erzielten gleich 3 Homeruns, aber selbst die reichten am Ende nicht, um als Sieger vom Platz zu gehen. Im Anschluss ans Spiel scherzten wir mit einer Platzanweiserin herum (Dave stellte mich mit den Worten "this guy is from Austria, but he knows more about baseball than i do!" vor), aber das lenkte sie nur kurz von ihrem Elend ab, sie meinte deprimiert: "Our team stinks this year". Nach einem passablen Saisonstart sind die Rockies, Champion des Jahres 2007, zuletzt stark abgerutscht und liegen nun schon ziemlich aussichtlos 12 Spiele hinter dem Spitzenduo San Francisco / Arizona an vorletzter Stelle der National League West Division. Nur die San Diego Padres mit 14 Spielen Rückstand liegen noch hinter ihnen - und dass ich selbst eine Kappe dieses, noch schlechteren Teams trug konnte die kleine Misty dann doch ein wenig aufheitern...




Dienstag, 16. August 2011

El Rodeo!


Eigentlich hatte ich mir Santa Fe aufgrund meiner finanziellen Lage bereits abgeschminkt. Die Hauptstadt New Mexicos ist zwar nur ca. 1 Autostunde von Albuquerque entfernt, aber da ich kein Auto habe, und die Stadt auch nicht zum AMTRAK-Streckennetz gehört, hätte ich mir ein zusätzliches Zugticket mit dem Santa Fe Railrunner (ein Nahverkehrszug der zwischen den beiden grössten Städten New Mexicos verkehrt) leisten müssen, und ich war ziemlich pleite. Dass es dann doch geklappt hat, hab ich mehreren glücklichen Umständen und einigen sehr netten Menschen zu verdanken; der glückliche Umstand war dass ausgerechnet an diesem Wochenende in Santa Fe das jährliche ZIA Regional Rodeo stattfand. Man kann zum Rodeo stehen wie man will, zu einem halbjährigen Aufenthalt im Westen der USA gehört es meiner Meinung nach einfach dazu, und ich war bereits etwas enttäuscht dass sich weder in Arizona noch in West Texas (ausgerechnet Texas!) keine Möglichkeit dazu ergeben hatte. Zudem handelt es sich beim ZIA Rodeo nicht um irgendein Rodeo - es ist eines der grössten Gay Rodeos des Landes! Auch ich musste dabei natürlich sofort an "Brokeback Mountain" denken, Ang Lee's stilles Meisterwerk, das den meisten als "schwuler Cowboyfilm" geläufig ist, und in dem Heath Ledger und Jake Gyllenhall regelmässig "fischen" gehen.


Nun, der Film spielt bekanntlich in den 80ern und seither hat sich einiges geändert. Vielleicht nicht in Wyoming um den Brokeback Mountain, aber mit Sicherheit in Santa Fe, einer Stadt die heutzutage den Künstlern gehört und eine grosse Gay Community besitzt - zahlreiche Maler, Bildhauer und Fotografen leben hier, es gibt hunderte Gallerien und mehr als ein Dutzend Museen. Seit Anfang der 90er Jahre wird das ZIA Gay Rodeo dort ausgetragen, heuer stand gar das 20. Jubiläum an. Und als ich im Alibi, Albuquerques Wochenzeitschrift, herausfand dass noch freiwillige Helfer für dieses Event gesucht wurden, war das für mich das perfekte Alibi um zu einem Schwulen-Rodeo zu gehen! Vielleicht hatte ich ein etwas verklärtes Bild davon - wie ich bald herausfinden sollte, sieht nicht jeder schwule Cowboy aus wie Jake Gyllenhall oder Heath Ledger - aber mir ging es ja in erster Linie um die Möglichkeit gratis einem Rodeo beizuwohnen. Kati, die schon den Film etwas befremdlich fand, musste ich versprechen sämtliche Einladungen zum Fischen auszuschlagen... und so nahm ich um 16:45 den letzten Railrunner nach Santa Fe!


Eine der angenehmen Überraschungen in New Mexico war das Wetter - während ich den Bundesstaat aufgrund seines Namens automatisch mit heissem Wetter assoziert hatte, war es dort aufgrund der beträchtlichen Höhenlage doch einen Tick kühler als in Phoenix, Tucson oder El Paso. Ich würde nicht soweit gehen, New Mexico als kühl zu bezeichnen, aber in den Bergen um Santa Fe kann man im Winter sogar skifahren, und als ich am Santa Fe Depot ankam, hatte es gerade geregnet, ich konnte also bedenkenlos mein kariertes Rodeo-Hemd überziehen! Mein Plan war, nach einem günstigen Abendessen das Rouge Cat anzusteuern, welches an jenem Abend Austragungsort einer Art "Players' Party" des Rodeos war. Ich hoffte dort Bekanntschaft mit Drahtziehern oder Teilnehmern des Rodeo zu machen und evtl. ein Quartier angeboten zu bekommen - jedoch möglichst ohne "Back Alley Boogie"!!

Nachdem ich ein wenig durch die Altstadt mit ihren typischen Adobe Buildings schlenderte, kehrte ich im San Francisco Street Bar & Grill zum Abendessen ein. Und obwohl mir das Restaurant zunächst ein wenig zu teuer für meinen Geldbeutel erschien, war das eine meiner besseren Entscheidungen bisher. Throwing caution to the wind, beschloss ich mir einen Margarita sowie ein gutes Abendessen mit einem Bier zu gönnen, obwohl ich noch nicht einmal ein Quartier für die Nacht hatte. Der Margarita war lecker, und ich durfte sogar das Jubiläums-Glas behalten. Die mit rotem Chili glasierten Schweinsmedaillons mit Kartoffelpüree und Broccoli waren ebenfalls köstlich, und ausserdem begann wenig später SAVOR, eine 3 -köpfige Latin Band, mit Kontrabass, Congas & Mandoline kubanische Strassenmusik im Stile von Buena Vista Social Club zu spielen. Nach einem weiteren Bier war ich bestens in Stimmung und blieb bis zum Schluss. Um 23 Uhr hörten die Jungs zu spielen auf, aber Quartier für die Nacht hatte ich immer noch keines.


Ich kam dann mit meiner Kellnerin Heather ins Gespräch, die mich wiederum mit Felipe, einem weiteren Kellner, ins Gespräch brachte, der mir sofort eine Couch zum Schlafen anbot, als ich ihm meine Situation schilderte. Praktischerweise wohnte er auch ganz in der Nähe des Rodeo-Geländes und bot mir an mich am nächsten Morgen dorthin zu chauffieren. Ich hab es dann also letztendlich nicht mehr zum "Back Alley Boogie" ins Rouge Cat geschafft, aber das war vielleicht eh besser... wir fuhren also zu Felipe's kultiger Behausung, eine erstaunlich bequeme Mischung aus Trailerpark & Opiumhöhle. Er erzählte mir, dass er erst vor kurzem seinen Job als OP-Krankenpfleger geschmissen hatte und nach Santa Fe gekommen sei, um sich mit Fotografie & Bildhauerei zu beschäftigen; der Kellnerjob sei da ideal um sich über Wasser zu halten. Ausserdem war er - obwohl nur 10 Jahre älter als ich - bereits 4x verheiratet und hatte 2 Kinder, beide schon Anfang 20. Seine letzte Frau habe es nicht so gut aufgenommen als er ihr erklärte dass er bisexuell sei... anyway, er zeigte mir auch ein paar seiner Werkstücke und zu Pink Floyd's "The Dark Side of the Moon" hatte ich dann den genialen Einfall sein Marijuana mit meinem duftenden Pfeifentabak zu mischen... geschmeckt hat's natürlich grauslich, und da man Pfeifentabak ja nicht inhaliert blieb bei mir auch die Wirkung aus. Felipe machte seine Sache schon besser, denn als wir uns um 3 Uhr morgens hinlegten war er ziemlich stoned, und als er mich um 8 Uhr zum Rodeo fuhr, sah er noch immer ein wenig gezeichnet aus:

Das Rodeo war dann genau das richtige nach so einer langen Nacht. Bruce Skidmore, der für die Volunteers verantwortlich war, hätte mich zwar gerne in die Arena geschleust, aber da ich keine Cowboystiefel und keinen Cowboyhut besaß, wurde ich mit der Einhebung der Parkgebühren beauftragt. Ich bezog also am Eingang zum Gelände unter einem kleinen Zelt Stellung, bekam ein Walkie-Talkie, Parktickets & Wechselgeld in die Hand gedrückt und durfte jedem Auto einen Dollar abknüpfen. Anfang war recht wenig los, und ich nutzte die Zeit zum Wiederholen meines Bikram Yoga Dialogues, aber ab 10 Uhr kamen dann doch recht viele Besucher, und ich hatte einiges zu tun. Bruce versorgte mich zwischendurch mit einem Sandwich und Wasser, und gegen 13 Uhr durfte ich Schluss machen und mir gratis das Rodeo ansehen. Die Jungs waren echt sehr dankbar für meine Unterstützung und ich bekam zur Erinnerung noch ein T-Shirt und eine Kappe geschenkt.

mein Arbeitsplatz am Santa Fe Rodeo

Das Rodeo selbst war dann natürlich auch ein Erlebnis. Ich kam gerade rechtzeitig zur "Grand Entry", einer Art Eröffnungszeremonie, bei der 3 Reiter mit den Flaggen New Mexicos, Kanadas & der USA durch das Stadion trabten und ein Sänger gerade eine ziemlich windschiefe kanadische Hymne schmetterte (ich fühlte mich fast ein wenig schuldig, den Herren am Vormittag mit dem Auto hereingelassen zu haben). Danach hiess es "Let's Rodeo!" - es gab etliche Bewerbe, die sich im grossen und ganzen in 3 Kategorien einteilen liessen: die Bewerbe auf dem Pferd, bei dem es galt Geschwindigkeit und Geschicklichkeit zu kombinieren, hatten die meisten Teilnehmer: Pole Bending, eine Art Slalom-Vertikale mit dem Pferd, oder Flag Racing, bei dem man in vollem Lauf eine Flagge aufnehmen musste und sie nach einem Rundkurs über den Parcours ebenfalls in vollem Lauf in einen mit Sand gefüllten Eimer spitzeln musste.

Pole Bending - pro umgefallener Slalomstang bekam der Reiter 10 Strafsekunden

Bei den Bewerben wo vor allem cojones (also Eier) gefragt war, gab es deutlich weniger Teilnehmer: einen einzigen beim Junior Bullriding, und für die "erwachsene Variante" am grossen Stier fand sich überhaupt niemand; dieser Bewerb - eigentlich der Höhepunkt jedes Rodeos - musste am Ende also komplett gestrichen werden. Im Unterschied zu einem normalen Rodeo (9 Sekunden), wo Profis am Werk sind, gilt es beim Gay Rodeo zwar nur 6 Sekunden auf dem Vieh auszuhalten, aber das ist für Amateur-Cowboys wohl immer noch schwierig und gefährlich genug.

Junior Bullriding

Die 3. Kategorie an Bewerben war die unterhaltsamste, allerdings auf Kosten der beteiligten Tiere. Es waren die Bewerbe der Cowhands - dafür muss man kein geübter Reiter oder Cowboy sein, sondern einfach ein bisschen Mut und die Bereitschaft zum Staubfressen mitbringen. In diese Kategorie fiel beispielsweise Goat Dressing, bei dem ein Team aus jeweils 2 Leuten in möglichst kurzer Zeit einer kleinen Ziege Unterwäsche überstreifen musste. Da die Ziegen allesamt recht wenig Gegenwehr boten (bzw. an einem ca. 3 Meter langen Seil festgezurrt waren und daher das Unvermeidliche nur wenig herauszögern konnten) war dies zwar ein amüsanter, aber sportlich ziemlich wertloser Bewerb.


Deutlich spannender war da schon das Wild Drag Race - hier hatten die Tiere nämlich eher die Möglichkeit sich zu wehren, und es ging nicht ganz so einseitig über die Bühne. Ein Team aus 3 Teilnehmern - einer Frau, einem Mann und einem "Drag" - dh. entweder Mann oder Frau, aber auf jeden Fall in Frauenkleidern - musste dabei versuchen, einen jungen Stier mithilfe eines Seiles aus seiner Box über eine 30 Fuss entfernte Linie zu bringen, dort den/die Drag auf den Stier aufsitzen zu lassen, und den Stier mitsamt dem Drag wieder über die Linie zurückzuführen. Der bzw. die Drag musste sich solange auf dem Vieh halten, bis es die Linie mit allen 4 Beinen überquert hatte. Klingt verrückt? War es auch, und vor allem eine ziemliche Tierquälerei, denn ohne den Stier zu dritt an Seil, Hörnern und Schwanz zu zerren & schieben brachte man ihn meist nicht über die Linie.


Bei diesem Bewerb litt man abwechselnd mit dem Stier und amüsierte sich vor allem wenn er die Leute in Schwierigkeiten brachte, auch wenn das nicht ganz ungefährlich war. Mehrere Drags wurden abgeworfen, und eine junge Dame erlitt eine Knöchelverletzung. Diese Spass-Bewerbe finden sich natürlich sonst auf keinem Rodeo (vielleicht gibt es ähnliche Cowhand-Bewerbe, aber wohl nicht in Frauenkleidern) und sind ausschliesslich bei den Gay Rodeos vertreten. Gay Rodeo bedeutete in diesem Fall übrigens sowohl Schwulen- als auch Lesben-Rodeo, es waren nämlich (vor allem bei den Pferdebewerben) auch einige Cowgirls am Start. Das Publikum war gemischt, der Grossteil gehörte offensichtlich der Gay Community an, aber es waren auch einige Heteros dort, die sich das ganze - so wie ich - einfach mal "live geben" wollten.

Letztendlich war Santa Fe dann ein richtig billiger Ausflug für mich: am Samstag im Zug schien der Schaffner auf mich zu vergessen und ich musste keine Fahrkarte lösen, die Übernachtung bei Felipe kostete mich ebenso wie der Eintritt ins Rodeo keinen Cent, und dank einer Mitfahrgelegenheit war auch der Rückweg nach Albuquerque kostenlos. Ich beendete den Tag mit einer letzten Red Chile Enchilada und einer Cinnamon Roll im FRONTIER (einem beliebten Lokal in Albuquerque, welches sich gleich ums Eck von Bernice's Haus befand) und war sehr happy, dass meine 3-wöchige Southwest-Tour so ein zünftiges und würdiges Ende gefunden hatte!



Samstag, 13. August 2011

"Red or Green?"


Der Bundesstaat New Mexico war der letzte Programmpunkt meiner Reise durch den Südwesten, und mit den meisten Ungewissheiten verbunden. Ich hatte weder genaue Vorstellungen davon was ich in den knapp 3 Tagen dort machen würde, noch wo ich schlafen sollte - speziell nachdem meine angepeilte Couchsurferin Elizabeth Kimball plötzlich nicht mehr erreichbar war, weder per email noch per Telefon (2 Tage später fand ich heraus dass sie sich in Kansas, im Mittelwesten der USA befand - bei so kreativen "Freigeist"-Profilen wie dem ihren werde ich in Zukunft also vorsichtig sein)! So erkundete ich erst einmal die Central Avenue in Albuquerque, auf der Suche nach einem Internet-Café um evtl. noch ein paar Last-Minute-Requests auszuschicken.


Und tatsächlich hatte ich Glück, und eine meiner 5 Anfragen fiel auf fruchtbaren Boden - Bernice McCormack hatte Verständnis für meine Situation, und bot mir spontan Unterkunft in ihrem Haus an, nur etwa 2 Meilen entfernt im Universitätsviertel. Ich beschloss mir ein Taxi zu nehmen, und ein hilfsbereiter schwuler Rechtsanwalt half mir mein Gepäck zu einem Taxistand zu schleppen. Er fragte mich welches von den 3 anwesenden Taxis ich nehmen wollte, und ich erklärte ihm dass das keiner grossen Entscheidung bedürfe, da man in Österreich in der Regel stets das vorderste Taxi nimmt. Vielleicht hätte ich meine Entscheidung aber doch ein wenig überdenken sollen, denn dieser Taxifahrer war wohl die unerfreulichste Begegnung in knapp 4 Monaten in den USA. Sein unappetitliches Äusseres (blass & fett) war mir noch relativ egal, und auch seinen eher plumpen Versuch Konversation zu machen interpretierte ich noch als Freundlichkeit. In der Stanford Avenue angekommen, registrierte ich den Taxometerstand (9,30 $) und fragte, während ich mein Gepäck aus dem Kofferraum hob, beiläufig: "So, it's 10 Dollars, right?" Daraufhin bekam ich in väterlich mahnendem Tonfall "That's not very nice, young man... you know that you're supposed to tip taxi drivers in America, right?" zur Antwort. Wenn jemand ausdrücklich Trinkgeld verlangt, regt mich das sowieso schon mal prinzipiell auf, aber aus irgendeinem Grund meinte ich der Typ hätte sich vielleicht wirklich 11 Dollar verdient und hielt ihm meinen 20-Dollar-Schein hin. Er kramte unbeholfen zwischen ein paar Münzen rum und behauptete er hätte kein Wechselgeld, was ich ihm dummerweise auch noch abgekauft habe (Kreditkarten akzeptiere er natürlich ebenfalls keine). Nachdem ich leider ausschliesslich 20-Dollar-Scheine bei mir hatte und wir so auf keinen grünen Zweig kamen, bot er schliesslich an bei der MacDonalds Filiale, wo wir kurz zuvor vorbeigefahren waren, Wechselgeld zu besorgen. Nach kurzem Zögern willigte ich ein - und nachdem ich etwa 20 Minuten mit meiner Couchsurferin vor dem Haus auf ihn wartete ("maybe there's a long line at the Drive-In, i'm sure that guy's not getting out of his car...") wurde uns beiden klar dass er nicht zurückkommen würde und sich offensichtlich das für ihn angemessene Trinkeld von 10.70 $ in Eigenregie geholt hatte. Ich habe meine Lektion daraus gelernt (man könnte natürlich zu Recht argumentieren dass ich sie längst gelernt haben sollte - es gibt schliesslich genügend blöde Taxler in Wien) aber ich muss sagen dass mich das den ganzen restlichen Abend gewurmt hat.
Seit Tagen hatte ich jeden Cent zweimal umgedreht, nachdem in Tucson meine VISA Gold Card verloren gegangen war und mein Bankkonto bereits bis aufs Äusserste strapaziert ist. Ich war mit gerade einmal 100$ Bargeld nach Albuquerque gekommen - nach dem Abendessen und der kurzen, aber teuren Taxifahrt waren es plötzlich nur noch 70. Naja, soll sich der Taxler eben für meine 20 Dollar noch ein paar Big Macs kaufen, allzuviele werden es bei dem eh nicht mehr werden...

Mit dem Aufenthalt bei Bernice wendete sich zum Glück das Blatt und die Dinge nahmen einen sehr viel erfreulicheren Lauf. Ich hatte an New Mexico keine grossen Erwartungen gehabt - und das sind bekanntlich die besten Voraussetzungen um positiv überrascht zu werden. Albuquerque liegt an der legendären Route 66 und bietet als Heimat der UNM (University of New Mexico) ein recht lebhaftes Nachtleben und gute Musikclubs (das überraschte mich weniger, schliesslich stammen The Shins aus dieser Stadt!). Und ich hatte mit der gemütlichen Couch im Wohnzimmer von Bernice nun auch ein nettes Quartier gefunden! Ausserdem fand die Serie meiner hundeverrückten Couchsurfer eine Fortsetzung, denn Bernice war bzw. ist Besitzerin von Lola, einem Retriever-Mischling aus dem Tierheim, die wohl eine der gutmütigsten und treuesten Hunde ist, die ich je getroffen habe.


Nachtleben hin oder her, allzu grosse Sprünge konnte ich mir aufgrund meiner finanziellen Situation in Albuquerque nicht leisten, und daher bot ich Bernice an, gemeinsam "Cyrus" anzusehen, den ich im Vorjahr bei der Viennale gesehen hatte, und den ich mir in El Paso auf DVD zugelegt hatte. Und die 5$ Eintritt ins Rattlesnake Museum in Old Town am Samstag hab ich mir dann auch geleistet. Schliesslich galt es die Frage zu beantworten welche Klapperschlange ich denn nun in der Vorwoche im Saguaro Nationalpark gesehen hatte. Ich war mir sicher dass es eine Diamant-Klapperschlange gewesen sein musste, aber die wirklich grossen Exemplare sind eigentlich nur im Südosten der USA verbreitet. In dem kleinen Museum, welches die grösste Kollektion an Klapperschlangen weltweit beheimatet, fand ich dann aber heraus, dass die Western Diamondback zwar etwas kleiner ist, aber in einigen Fällen immer noch bis 7 Fuss erreich kann. Damit war meine Frage beantwortet, und diesmal traute ich mich auch ein wenig näher heran:


Am Vormittag war ich ausserdem mit Bernice auf einem örtlichen Farmer's Market, wo ich einen Breakfast Burrito verzehrte und dabei auch gleich die offizielle State Question beantworten musste; während man in Österreich bei der Frage "Rot oder Grün?" automatisch an politische Parteien denkt, gilt diese Frage im Land of Enchantment ausschliesslich den Chilischoten... und ich habe sie an jenem Morgen für mich mit "rot" beantwortet:


Während ich den ultimaten Sattmacher New Mexico's verzehrte, beobachtete ich das rege Treiben um mich herum: im Gras sitzende Hippies mit Gitarren, Studenten die Unterschriften für eine Petition gegen Child Obesity sammelten, hispanische Mütter auf der Suche nach frischen Chilis fürs Mittagessen. Bei den Ständen gab es ausserdem selbstgemachtes Granola, organisches Pesto oder auch vegetarische Hundekuchen zu kaufen (ich kaufte 3 Stück für Lola und es schien sie nicht zu stören dass sie fleischfrei waren). Der schrägste Vogel war aber ein gewisser Lloyd Kreitzer, auch bekannt als "the Fig-Man of New Mexico", der sowohl Feigenbäume als auch Massagen anbot...


Die meisten Händler verkauften aber lokal angebautes Gemüse, vor allem Squash (hat nichts mit dem Sport zu tun, ist eine Art von Zucchini), allerlei verschiedenfarbige Tomaten, und natürlich die allgegenwärtigen Chilis. Jetzt müsst ihr nur noch für Euch die Frage beantworten: "Rot oder Grün?"

Donnerstag, 11. August 2011

"Autobuses Americanos"


Nach Arizona und Texas stand mit New Mexico der letzte von 3 Bundesstaaten während meiner 3-wöchigen Südwest-Schleife auf dem Programm. Da die meisten Zugstrecken im Westen der USA (mit Ausnahme der Pazifikküste) in horizontaler Richtung verlaufen (dh. von Westen nach Osten bzw. umgekehrt), musste ich dieses letzte Stück mit dem Greyhound absolvieren. Der Greyhound mit seinem flächendeckenden Bus-Streckennetz ist in der Regel die günstigste Möglichkeit in den USA grössere Strecken zurückzulegen - für die etwas über 4 Stunden dauernde Fahrt von El Paso nach Albuquerque bezahlte ich lediglich 25 US-Dollar. Viel länger möchte ich zwar nicht mit dem Greyhound unterwegs sein müssen (selbst für meine kurzen Beinchen ist dort auf Dauer zuwenig Platz), aber für diese Strecke erwies er sich als das ideale Transportmittel. Mit dem Greyhound zu reisen bedeutet nämlich mit der unteren sozialen Schicht Amerikas (bzw. vereinzelt auch Backpackern) unterwegs zu sein, und im Südwesten sind das vor allem die Immigranten aus Mexiko. Jede Menge Gelegenheit also, um etwas Spanisch aufzuschnappen. Nachdem mich mein Couchsurfing-Host Jacob (der am selben Morgen nach Israel flog) am Greyhound Terminal absetzte, machte ich Bekanntschaft mit einem jungen Burschen und seinem Vater, die mexikanischer Abstammung waren. Miteinander kommunizierten sie natürlich auf Spanisch, aber mit mir sprach der Bursche perfektes American English, und für seinen Vater übersetzte er ausserdem die US-Nachrichten, die gerade im Terminal über den Bildschirm flimmerten.


Als ich in den Bus stieg, war es noch krasser als erwartet - der Bus war prallvoll, und ich war offensichtlich der einzige Gringo. Ausserdem trug der Bus statt dem Greyhound-Logo den Schriftzug "Autobuses Americanos" und für einen Moment hatte ich Angst in den falschen Bus (nach Juárez?) gestiegen zu sein. Aber wie sich herausstellte, kam dieser Bus aus Zentralmexiko und die Insassen waren grösstenteils bereits etwa 24 Stunden unterwegs. Ich nahm Platz neben einer etwa 40-jährigen Frau die sich als Elena aus Denver vorstellte -sie hatte offenbar Verwandte besucht und war nun auf der knapp 2-tägigen Rückreise nach Denver, ihrem Wohnort. Sie war sehr freundlich & gesprächig und der ideale Sparringpartner um mein bescheidenes Spanisch auszupacken, denn ihr Englisch war noch bescheidener. Ich war überrascht wie gut wir uns verständigen konnten, und wenn es mal doch an einem Wort haperte, zückte sie ihr kleines Reisewörterbuch Inglés sin barreras ("Spanisch ohne Grenzen"), das gleichzeitig ein Schlüsselanhänger war:


Wir konnten uns sogar ein wenig über die leider immer noch aktuelle Problematik des Drogenkriegs ("la guerra de drogas") in Mexiko unterhalten, und sie zeigte mir einen interessanten, wenn auch schockierenden Bildband eines mexikanischen Fotografen der zu dem Thema eine Fotostrecke in einem Magazin veröffentlicht hatte. Die 2 schlimmsten Bilder habe ich mit meiner Kamera fotografiert. Das erste zeigt Polizisten beim Fund eines Mannes, dem der Kopf abgetrennt wurde und welcher dann mit gefesselten Händen an einer Brücke aufgehängt wurde: ganz offensichtlich die Handschrift eines Drogenkartells, welches damit eine "eindeutige Botschaft" senden wollte. Das zweite Bild zeigt ebenfalls Polizisten beim Fund nicht einer, sondern gleich mehrerer Leichen. Das Bild erinnert fast an die KZ-Massengräber: sämtliche Menschen wurden erschossen, vorher wurde ihnen noch Plastiksäcke über die Köpfe gestülpt.




Beide Fotos wurden übrigens in Tijuana geschossen (richtig, dort wo ich beim Zahnarzt war...) aber der Fotograf betont im Begleittext dass diese Bilder stellvertretend für viele Orte in Mexiko stehen könnten. In Tijuana selbst habe sich die Situation seither zwar beruhigt, aber er glaube nicht dass deshalb ein Ende des Drogenkriegs in Sicht sei. Auch ich glaube dass, solange die USA weiterhin das Land mit dem höchsten Drogenkonsum der Welt bleiben, keine Besserung in Sicht ist.

Danach widmeten wir uns aber erfreulicheren Gesprächsthemen, beziehungsweise brachte uns "Rush Hour 3" mit Jackie Chan und Chris Tucker (natürlich auf Spanisch, mit englischen Untertiteln) auf andere Gedanken. Und Hobby-Saxophonistin Elena war ausserdem sehr angetan von der Musik Calexico's, die ich ihr mit meinem i-pod vorspielte. Gegen Ende erfolgte später auch eine Kontrolle durch die Border Patrol, die die Reisepässe sämtlicher Passagiere überprüfte. Ich musste an meinen Couchsurfing-Host Jacob denken, der täglich mit dieser Aufgabe konfrontiert wird, und vermutlich gerade sehr froh ist eine Woche auf Urlaub zu sein.