Mittwoch, 16. September 2015

In the gallery!

Vergangenes Wochenende waren meine Eltern und meine Freundin zu Besuch, und nachdem wir am Freitag im Rahmen der "Kulturnatt Oslo" (eine Art Tag, oder besser gesagt Nacht der offenen Tür zahlreicher Kultureinrichtungen der Stadt) alle 326 Stufen bis aufs Dach des Rathauses geklettert waren, und am Samstag eine (mehr als gewollt) abenteuerliche Fahrradtour durch die Nordmarka unernommen hatten, beschlossen wir es am Sonntag ruhiger anzugehen und uns 2 Museen anzusehen - die Nationalgallerie (Nasjonalgalleriet) und das Museum für zeitgenössische Kunst und Design (Kunstindustrimuseet). Letzteres unterhielt gerade eine Ausstellung über Vinyl Cover Art (also Kunst auf Schallplattenhüllen) die mich interessierte, aber das Highlight des Tages war zweifelsohne die Hauptausstellung der Nationalgallerie! Sie trägt den Namen "The Dance of Life" und enthält eine chronologische Sammlung von Kunstwerken von der Antike bis 1950, mit einem Schwerpunkt auf norwegischer Malerei nach 1800. Diese Ausstellung (die umfangreichste Kunstsammlung Norwegens und eine der größten ihrer Art in Skandinavien) darf - wenn man sich auch nur ein bißchen für Malerei interessiert -  bei einem Besuch in Oslo keinesfalls fehlen! Norwegen ist bekannt für atemberaubende Naturlandschaften, und die Gemälde in der Nationalgallerie legen davon ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Hier im folgenden ein paar Highlights die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind; die Anmerkungen & Ausführungen dazu beruhen leider nicht auf meinen Kenntnissen der Malerei (obwohl Manfred Mänling, mein Deutschprofessor zu HAK-Zeiten, gute Arbeit geleistet hat), sondern teils aus der Wikipedia, teils aus Informationen des Audioguides, welchen ich im Museum für 50 Kronen in Anspruch genommen habe


Johan Christian Dahl (1788 - 1857) gilt als Vater der norwegischen Landschaftsmalerei und wichtigster norwegischer Vertreter der Romantik. Geboren in Bergen als Sohn eines Fährmannes und Fischers, studierte er (mangels einer Kunstakademie in Norwegen) in Kopenhagen und lebte & wirkte anschliessend in Dresden. Er war ein enger Freund von Caspar David Friedrich und der erste norwegische Maler der international Bekanntheit erlangte - und damit nicht nur ein Vorbild für viele andere nach ihm. Das in der Nationalgallerie ausgestellte und oberhalb abgebildete Ölgemälde "Ansicht auf Stalheim" beeindruckt durch seine Größe (knapp zwei mal zweieinhalb Meter!) und Detailverliebtheit, auch wenn es ihm laut Wikipedia "an vollendeter Technik mangelte"... ;)

Ebenfalls ein sehr großes Bild fand sich direkt im Stiegenaufgang zur Gallerie und war somit das erste Bild das wir sahen: Es stammt aus dem Jahr 1893, wurde von Christian Krohg (1852 - 1925) gemalt, und heißt "Leif Eriksson bei der Entdeckung Amerikas". Krohg hatte übrigens auch einen Sohn (Per Krohg, 1889 - 1965) der sich ebenfalls erfolgreich der Malerei zuwandte und für das große Wandgemälde im Sitzungssaal des UN Sicherheitsrates in New York verantwortlich zeichnet!

Eher für seine Innenansichten und seinem aufmerksamen Blick fürs Detail (links "Sjakkspilleren" aus dem Jahr 1868) bekannt war der dem Naturalismus zugeordnete Gustav Wentzel (1859 - 1927), der aus derselben Generation wie Krog Senior stammte. Sein Gemälde "Snekkersverksted", das wir in der Nationalgallerie bewundern konnten und welches einen Tischler bei der täglichen Arbeit zeigt, war den Verantwortlichen der Kunstausstellung Christiania (dem damaligen Oslo) sprichwörtlich zu ungehobelt, und die Weigerung es auszustellen führte zu einem lang andauernden Disput mit dem Kunst-Establishment und einer jährlichen, von Künstlern selbst organisierten Ausstellung (Høstuttillingen - "Herbstausstellung"). 1908 wurde er jedoch zum Ritter geschlagen, also dürften seine Gemälde letztlich doch öffentliche Anerkennung erfahren haben...

Ebenfalls zu den Naturalisten gezählt wird Erik Werenskiold (1855 - 1938), der durch Porträts (u.a. von Henrik Ibsen), Illustrationen & Zeichungen zu Volksmärchen (die Verschmelzung von Wirklichkeit und Phantasie in seinem Stil war dafür besonders geeignet), sowie seinen realistischen Darstellungen von norwegischen Bauern in landschaftlicher Umgebung Bekanntheit erlangte. Ein solches Bild ist auch das folgende, welches aufgrund der gelungenen Darstellung des hellen Tageslichts bemerkenswert ist und als Klassiker der norwegischen Malerei gilt:

"Das Begräbnis" (1885), Erik Werenskiold

Ein Künstler der mich besonders beeindruckte war Peder Balke (1804 - 1887), dessen dramatische Landschaftsbilder sich durch eine reduzierte Farbpalette und einen charakteristischen Pinselstrich auszeichnen. Er wuchs in ländlichen Verhältnissen in Ostnorwegen auf - die Bauern seiner Umgebung förderten den jungen Maler (im Gegenzug verzierte er ihre Höfe), und ermöglichten ihm dadurch eine höhere Ausbildung. So konnte er in Stockholm studieren und war später auch ein Schüler des eingangs erwähnten J.C. Dahl. In jungen Jahren unternahm er ausgedehnte Wanderungen in Norwegen, bei denen er Skizzen anfertigte aus denen später einige seiner bekanntesten Gemälde enstehen sollten, die er zum Teil an den norwegischen und französischen Adel verkaufen konnte. Das daraus entstandene Vermögen nutzte er im höheren Alter auch zu sozialen Zwecken: so wie er in seiner Jugend gefördert wurde, vergab er nun seinerseits Darlehen an junge Künstler, erwarb mehrere Parzellen im Umland von Oslo (im heutigen Stadtteil Frogner gelegen) und gründete "Balkeby" - eine Siedlung die bessere Lebensbedingungen in Stadtnähe für Arbeiter bieten sollte.

"Fire on the Norwegian Coast", Peder Balke

Durch deutlich kräftigere Farben, und einen Hang zum Mystischen zeichnen sich dagegen die Bilder von Harald Sohlberg (1869 - 1935) aus, welcher der Neoromantik zugeordnet wird. Er war das achte von 11 Kindern eines Pelzhändlers und hatte früh den Wunsch Künstler zu werden, sein Vater bestand jedoch zunächst auf einer handwerklichen Ausbildung, welche er als Dekorationsmaler absolvierte. Erst auf Anraten eines Freundes der Familie studierte er ab 1899 an der Königlichen Zeichenschule in Christiania, später auch in Kopenhagen sowie ein Jahr in Weimar. Die Berglandschaft des Rondane-Nationalparks war für ihn stete Inspirationsquelle und Motiv, zu seinen bekanntesten Gemälden zählen aber auch die Strassenszenen in Røros (wohin er ab 1902 übersiedelte), von denen er gleich mehrere unterschiedliche anfertigte (eine davon ziert künftig auch in Magnetform meinen Kühlschrank...) ;)

"Winternacht in Rodane" (Harald Sohlberg)

"Nach dem Schneesturm - Lillegaten in Røros" (Harald Sohlberg)

Gegen Ende der Austellung ging es in die Moderne und da war neben einigen Werken von Picasso natürlich auch Edvard Munch (1863 - 1944) prominent vertreten, ihm war ein ganzer Raum mit einigen seiner bekanntesten Gemälde gewidmet, und "Der Schrei" (welches mich schon zu Schulzeiten fasziniert hat) zog dabei natürlich den grössten Teil der Besucher an, inklusive unvermeidlicher Grimassen- bzw. Schrei-Selfies (ein älterer Herr unternahm mehrere Anläufe, das angsterfüllte Gesicht möglichst originalgetreu hinzubekommen, was sehr amüsant aber auch an der Grenze zum Fremdschämen war). Nach so vielen tollen Bildern war der Munch-Raum nochmal Draufgabe, zeigte er doch gerade im Kontrast mit den anderen Künstlern seinen unverkennbaren Stil. 

"Girls on a Bridge" (Edvard Munch)

Die "Madonna" und die "Mädchen auf der Brücke" gefielen mir besonders gut, aber am Ende war der Raum für mich nur sowas wie der Hinweis auf ein Sequel in einem Film - ich denke ich werde irgendwann dem Munch-Museum in Grünerløkka einen Besuch abstatten müssen, um mich ein bisserl eingehender mit dem Mann und seiner Malerei zu beschäftigen... in jedem Fall kann ich einen Besuch in der Nationalgallerie jedem Oslo-Besucher nur wärmstens ans Herz legen - und am Sonntag ist auch für alle freier Eintritt! :)

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