Mittwoch, 12. August 2009

Algerien, Teil 1



Nach genau einer Woche in Algerien finde ich nun erstmals die Zeit laenger im Netz zu surfen, und meine bisherigen Eindruecke ein wenig zu ordnen und zusammenzufassen. Diese Verschnaufpause kommt aus mehreren Gruenden gelegen: erstens fuehle ich mich gesundheitlich nicht auf der Hoehe und hab soeben 2 Aspirin eingeworfen, zweitens brauchte ich schon dringend mal einen Abend fuer mich alleine, und drittens befinde ich mich jetzt an einem Wendepunkt der Reise: ich habe mich heute von der feuchtwarmen Mittelmeerkueste verabschiedet und bin jetzt auf dem Weg ins Landesinnere; das heisst in Richtung Sahara.

Zu diesem Zweck hab ich mir heute ein Hotelzimmer in Constantine, der Hauptstadt Ost-Algeriens, geleistet. Constantine liegt etwa 160 km im Landesinneren und bietet sich als Ausgangspunkt geradezu an: die Stadt thront majestaetisch auf einem Hochplateau und wird von einer tiefen Schlucht durchzogen, ueber die mehrere spektakulaere Bruecken (nichts fuer schwache Nerven...) fuehren.

Die Stadt selbst hat eine lange und wechselhafte Geschichte vorzuweisen und sowohl die Mittelmeerkueste, das Aures-Gebirge mit den beruehmten roemischen Ruinen von Timgad, als auch Biskra (das Tor zur Sahara) sind in nur wenigen Stunden Fahrzeit erreichbar. Und genau dorthin moechte ich morgen - nach Biskra, wo zur Zeit Temperaturen um 50 °C an der Tagesordnung sind. Selbst die Einheimischen hielten das fuer eine verwegene Idee (der August ist der heisseste Monat und eigentlich wird eher der Herbst oder Winter als Reisezeit empfohlen) aber man kommt ja nicht alle Tage in die Sahara (und schon gar nicht nach Algerien) also moechte ich unbedingt noch Sahara-Luft schnuppern, und eine Nacht in Biskra verbringen, bevor es dann am Samstag mit dem Express-Zug in 6 Stunden zurueck nach Algier geht, wo mein Reisefuehrer (und in vielerlei Hinsicht meine engste Vertrauensperson waehrend dieses Urlaubs) Said Chitour hoffentlich wieder auf mich wartet. Ich kann von Glueck reden, ihn kurz vor der Reise im Internet "aufgetrieben" zu haben; er hat mich schon bei meiner Ankunft am Flughafen in Algier herzlich empfangen, grosszuegig bei sich einquartiert und mir mit seinen guten Englischkenntnissen den Einstieg in das doch sehr fremdartige Land enorm erleichtert. Mit ihm hatte ich am 2. Tag auch den perfekten Guide fuer die faszinierende Kasbah von Algiers und die roemischen Ruinen von Tipaza. In die Kasbah haette ich mich alleine wohl gar nicht getraut, und es wird auch nicht empfohlen - die verwinkelte Altstadt ist ein Armenviertel und gleichzeitig ein Labyrinth mit vielen "dead ends"...


Auch in Tipaza waren Said's Erklärungen Gold wert. Waehrend zahlreiche einheimische Touristen nur von Steinhaufen zu Steinhaufen zu wandern schienen, liess er mit seinen Ausfuehrungen die Stadt regelrecht vor dem geistigen Auge wiederauferstehen. Besonders hab ich mich auch ueber das Albert-Camus-Denkmal in Tipaza gefreut: dessen Roman "Der Fremde" hab ich naemlich zu Schulzeiten gelesen - es war mein erster Eindruck von dem Land, und die Stimmung die das Buch transportiert, kommt der Realitaet erstaunlich nahe.


Eigentlich heisst es ja dass, wer einmal seinen Fuss nach Algerien setzt, immer wieder dorthin zurueckkehrt. Aber so interessant und faszinierend ich das Land auch finde: nach nur einer Woche freu ich mich schon auf mein vertrautes Zuhause und die mir vertraute Kultur. Ich verbringe hier zweifelsohne einen sehr interessanten, abwechslungsreichen und hoechst ungewoehnlichen Urlaub. Said hatte mir bereits vorweg eroeffnet dass es absolut unueblich ist, von einer Familie nach Algerien eingeladen zu werden, vor allem wenn es sich dabei um eine Internet-Brieffreundin, und noch dazu aus der als konservativ geltenden Stadt Constantine handelt. Und er sollte Recht behalten - unmittelbar vor meinem Abflug wollte sie die ganze Sache kurzfristig per email abblasen; dies konnte ich zwar verhindern, aber unmittelbar nach unserem Treffen am 8. August im Badeort Ziama Mansouriah bekam ich gleich einen arabischen Decknamen (Skandar, das Aequivalent zu Alexander) und allerlei Alibis umgehaengt, wieso ich mich bei Ihnen aufhalte. Ausserdem wurde ich danach die meiste Zeit mit ihrem Bruder "auf Achse" geschickt, den Rest der Familie sah ich meist nur zum Fruehstueck und Abendessen wieder... welches aber stets ausgezeichnet war. Generell schien die Familie recht reserviert, es gab keine "herzliche" Gastfreundschaft im engeren Sinne - dafuer aber auch keine "falschen Herzlichkeiten" - die Gastfreundschaft beschraenkte sich eher auf praktische Dinge. Ich wurde immer ordentlich bekocht, auf kleinere Dinge (Bustickets etc) eingeladen, und ganz allgemein hatte ich das Gefuehl dass man immer ein Auge auf mich hatte - oft mehr als mir lieb war.

So nett das Quartier fuer algerische Verhaeltnisse auch war - mit dem durchschnittlichen oesterreichischen Urlaubsbungalow hatte es immer noch herzlich wenig gemeinsam. In einem eher schaebigen Viertel, in unmittelbarer Naehe einer Militaerkaserne gelegen, gab es haeufig Stromausfaelle und nur zu bestimmten Zeiten Fliesswasser; die abendliche Dusche wurde aber zum Glueck immer von der Mutter in einem Wasserkanister fuer uns aufgehoben. Dasselbe galt fuer die Toilettenspuelung; gluecklicherweise bin ich von groeberen Magen/Darm-Problemen verschont geblieben... was aber jede Wohnung in Algerien zu besitzen scheint (und sei sie auch noch so schaebig), ist eine Satellitenschuessel, meist sogar gleich mehrere davon. In den grossen Staedten bieten die paraboluebersaehten Wohnbloecke ein Fotomotiv der besonderen Art. Sie sind so haesslich, dass es schon fast an abstrakte Kunst grenzt. Allerdings ist es ziemlich traurig sich vorzustellen wie in jeder dieser winzigen Wohnungen eine Generation vor ihren Fernsehschirmen hockt, sich von franzoesischen Sendern berieseln laesst, und von einem besseren Leben traeumt.

Waehrend des 4taegigen Aufenthaltes mit der Familie konnte ich die Kuestenstadt Bejaia, sowie einige Straende in der Umgebung (Les Aftisses, Tichy, Rochet Noir) erkunden - und dabei wurde mir klar wieso man nicht unbedingt zum Baden nach Algerien kommt. So schoen die Kueste zwischen Jijel und Bejaia auch sein mag - die touristische Infrastruktur ist rueckstaendig, die Straende sind ueberfuellt mit Einheimischen (an verschleierte Frauen am Badestrand kann ich mich einfach nicht gewoehnen), die Verschmutzung ist mehr als bedenklich, und dazu kommen noch die laestigen Verkehrsstaus an der schmalen Kuestenstrasse. Ich fuehlte mich oft unangenehm an den Film "Gomorrha" erinnert, den ich letztes Jahr im Kino gesehen habe - ein Film ueber ueber die sueditalienische Mafia, und tatsaechlich ist dieser Kuestenstreifen Algeriens ja nahe zu Sizilien gelegen, und erinnert in vielerlei Hinsicht daran.

Deshalb freue ich mich jetzt umso mehr auf den abschliessenden Hoehepunkt meiner Reise - das Landesinnere, und die Abgeschiedenheit und Ruhe der Wueste. Bereits waehrend der etwa 2stuendigen Taxifahrt nach Constantine war deutlich zu merken wie sich die Vegetation, Temperatur, und gleichzeitig auch die eigene Stimmung veraendert.
Nachdem ich die Nacht zuvor eher unfreiwillig mit einem Haufen Algeriern campen "durfte", war mein Koerper heute ausgelaugt und meine Stimmung echt am Tiefpunkt angelangt. Aber bereits waehrend der Fahrt empfand ich den warmen und trockenen Sahara-Wind extrem angenehm - es fuehlte sich an als ob jemand einen heissen Foen durchs offene Fenster hereinhaelt, und der Entspannungs-Effekt war aehnlich dem beim Betreten eines Yoga HotRooms... und natuerlich hab ich morgen meine Matte mit im Gepaeck - denn wo, wenn nicht in Biskra, ist der perfekte Ort fuer "HotYoga" im Freien?