Sonntag, 5. Juni 2011

Love is a battlefield (Week 7)

Ausnahmsweise gut ausgeruht startete ich in Woche 7, vor der ich besonderen Respekt hatte. Im Blog Japanese Ham Sandwich von Chrissy D. aus Ontario, das vom Teacher Training Fall '10 in San Diego berichtet, hatte ich gelesen dass die 7. Woche die härteste Woche des Teacher Trainings war, und bisher schien der gesamte Ablauf unseres Trainings ziemlich identisch mit jenem in San Diego zu sein. Ausserdem sollte auch Bikram von seinem einwöchigen Hawaii-Aufenthalt zurückkehren, und ich war mir sicher dass es zum Wiedersehen keine Blumenketten geben würde.

Die Woche begann mit einer Morgenklasse mit Darren, unserem ersten australischen Gastlehrer, und dann folgte die erste von zahlreichen Posture Clinics. Auch diese Woche ging es Schlag auf Schlag und wir hatten mehrfach 2 Clinics pro Tag. Auch wenn es nicht immer einfach ist, still dazusitzen und einem Trainee nach dem anderen beim Abspulen der immergleichen Verse zuzuhören, so lernt man auch beim Beobachten & Feedback der anderen eine ganze Menge, und es ist immer wieder schön die Entwicklung der Kollegen zu beobachten. Manche haben riesige Fortschritte gemacht, andere stagnieren auf hohem Niveau, manche sind hit-and-miss und wieder andere (wie beispielsweise ich) haben mehr Schwierigkeiten als zu Beginn, da sie sich auf die ersten Positionen schon daheim vorbereitet hatten und diese dementsprechend souverän beherrschten, aber mittlerweile "vom Dialogue eingeholt wurden" und sich nun auch jede Position kurzfristig erarbeiten müssen.


Ich musste Montag nachmittag meine "Halbe Schildkröte" (Half Tortoise Pose) zum besten geben. Paul aus London, der letzten Sommer für einige Wochen im Bikram Yoga College in der Lugner City in Wien unterrichtet hat, leitete diese Clinic und lobte mich für "spot-on dialogue, good intonation and good posture", aber meinte ich solle ein bissl mehr Spass haben. "You've got a nice smile, but that whole German Engineer thing going on." Ich erklärte ihm dass ich (wenn überhaupt) ein österreichischer Ingenieur wäre, aber ansonsten war ich recht zufrieden mit dem Feedback, denn nach den albernen Clinics der letzten Woche war es mein Ziel (und auch meine Hausübung) gewesen, den Dialogue möglich klar und präzise zu vermitteln.

Am Dienstag wurde mir das ziemlich erschwert, denn für "Camel Pose" bekam ich einige Sonderaufgaben: ich musste einen Studenten korrigieren, den Raum lüften, mir einen Beschuss mit Papierkugeln gefallen lassen, und ausserdem "den Präsidenten anrufen". Was dabei herausgekommen ist, könnt ihr euch hier ansehen - sicher nicht meine beste Performance, aber doch eine der unterhaltsameren:

Abends musste ich dann auch noch "Rabbit Pose" zum besten geben, eine meiner souveränsten Performances, bei der ich auch ein paar Zeilen des Additional Dialogue (einer Art erweiterten Wortschatz, den man verwendet sobald man die grundlegenden Kommandos beherrscht) einfliessen liess. Aber Souveränität ist nicht alles, wie mich Juan Manuel von Bikram Yoga Headquarters belehrte - es müsse auch der gewisse Funke aufs Publikum überspringen. Er muss es wissen, denn auch wenn er uns erst 2x unterrichtet hat: seine Klassen zählen zu den beliebtesten hier, und wenn jemand behaupten kann, sich den Dialogue auf originelle Weise zu Eigen gemacht zu haben, dann Juan! (es soll hier sogar Leute geben die sich in Juan Manuel Impersonations üben...) Noch imposanter als sein Dialogue ist allerdings seine Yogapraxis, die er angeblich auch bei der International Asana Competition demonstrieren wird, die am Wochenende im Anschluss an unsere Graduation stattfinden wird. Apropos Graduation: kaum zu glauben, schon in 2 Wochen ist es soweit und ich werde von Bikram meine "License to kill" erhalten. Besonders freut mich, dass ich dabei auch Besuch aus der Heimat bekommen werde: Dieter & Martin werden nicht nur bei der Zeremonie dabei sein, sondern auch beim abschliessenden Graduation Dinner, zu dem jeder Trainee 2 Gäste mitnehmen darf!

Am Mittwoch lieferte ich mit "Head to Knee & Stretching Pose" die vorletzte Asana ab, und auch da bekam ich als Ratschlag, etwas mehr Spass zu haben, und gleichzeitig Lob für meinen "excellent dialogue". Am Nachmittag kam es dann zu einer unerfreulichen Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Zimmerkollegen Stephen. Obwohl er sehr witzig sein kann und eine Zweitkarriere als Stimmenimitator in Erwägung ziehen sollte, hat er mir in den letzten Wochen mit seiner oft schlechten Laune das Leben nicht gerade einfacher gemacht. Immer wieder musste er seinen Unmut über gewisse Dinge kundtun, und wenn es mal in einer Posture Clinic nicht nach Wunsch für ihn lief, war er oft den restlichen Tag mürrisch oder einsilbig (außer wenn es darum ging, über den Bikram Yoga Staff oder die Bevölkerung Kaliforniens im allgemeinen zu ätzen). Nicht ohne Grund hab ich daher in den letzten Wochen auch ein bisschen Abstand zu ihm gehalten und zu anderen Leuten den Kontakt gesucht - das Training ist hart und ermüdend, aber wir haben alle gewusst was uns erwartet, und eine Menge Geld dafür bezahlt um hier sein zu dürfen (ich empfinde es nach wie vor als grosses Geschenk!) Es macht einfach mehr Spaß Herausforderungen mit einem Lächeln zu begegnen als darüber zu granteln. Nach unserem Wortgefecht freute ich mich richtiggehend auf die 17h Klasse mit Bikram, wo ich mich so richtig vernichten wollte, um die negativen Emotionen loszuwerden. Leider spielte mein Magen allerdings nicht mit, und ich beschloss nach 30 Minuten den Raum zu verlassen und duschen zu gehen. Ich schlich mich aus dem Hotel und fand schliesslich in der Champions Sports Bar des Marriott Hotel Ablenkung, wo ich gleichzeitig das 1. Spiel der NHL-Eishockey-Finalserie zwischen Vancouver und Boston, sowie ein Baseballspiel der San Francisco Giants gegen die St. Louis Cardinals mitverfolgen konnte:


Beide Übertragungen waren äusserst spannend - das Eishockeyspiel wurde (sehr zur Freude unserer kanadischen Trainees) erst 18 Sekunden vor Schluss zugunsten von Vancouver entschieden, das Baseballspiel endete (sehr zu meiner Freude) mit einem knappen Sieg der Giants, die in dem Spiel 3x zurücklagen und am Ende doch noch 9:7 gewannen. Ich habe ja mittlerweile für Kati & mich Karten im AT&T Park in San Francisco am 5. Juli besorgt, und es wäre schön wenn wir da ein ebenso spannendes Spiel geboten bekommen - in jedem Fall haben wir recht gute Plätze in der "Lower Box" (30. Reihe), die ich mir diesmal auch ein wenig mehr kosten liess (40 USD pro Stück). Tickets bei den Spielen der Giants sind sehr begehrt: falls es kein gutes Spiel ist, bleibt einem dort nämlich immer noch der Blick auf die San Francisco Bay - der "Meerblick" ist in der Major League einzigartig, das Stadion ist direkt an der Waterfront gebaut, und schon alleine deshalb einen Besuch wert!


Ausserdem sind die Giants der amtierende Titelverteidiger und haben mit Tim Lincecum & Brian Wilson zwei der spektakulärsten & erfolgreichsten Werfer der Major League in ihren Reihen. Einen ihrer besten Schlagmänner, den Catcher Buster Posey, werden wir jedoch nicht bewundern können - ihm wurde in der Vorwoche bei einer Home-Plate-Kollision mit dem Florida-Marlins-Spieler Scott Cousins das Bein gebrochen, und er fällt für die restliche Saison aus. Die unschöne Spielszene, die auch zu einer heftigen Diskussion über Regelverschärfungen im Baseball geführt hat, gibt es hier in voller Länge zu bewundern... noch halten die Giants einen knappen Vorsprung in ihrer Division der National League, aber der Ausfall könnte sie auf dem Weg zur Titelverteidigung teuer zu stehen kommen. Ich werde ihnen am 5. Juli gegen San Diego auf jeden Fall die Daumen drücken!

Zurück zum Training: am Mittwoch und Donnerstag gab es wieder 2 lange Abendvorlesungen mit Bikram, und jene am Donnerstag wurde durch den populären Bollywood-Film "Sometimes happy, sometimes sad" gekrönt, welcher uns bis 4:30 Uhr morgens im Catalina Raum festhielt - allerdings hatte ich es mir da längst mit meinem OnePiece Strampler auf dem Boden gemütlich gemacht. Ursprünglich wollte ich dem Film wirklich eine Chance geben, aber schon nach 10 oder 15 Minuten hatte ich schwere Augen und musste aufgeben. Dementsprechend war ich dann nachher putzmunter, bestellte noch Konzertkarten, und legte mich erst um 6:00 ins Bett, woraufhin ich prompt die Morgenklasse verschlief und dafür am kommenden und letzten Wochenende meine bereits vierte (aber hoffentlich letzte) Makeup-Class absolvieren muss. Nachträglich betrachtet konnte ich aber froh sein diese Klasse verschlafen zu haben, denn dadurch war ich dann am Freitag gut ausgeruht für die Abendklasse mit Bikram - und die hatte es so richtig in sich!

Bereits am Vorabend wurde bekanntgegeben dass wir am Freitagabend frei bekämen, und ausserdem die lang ersehnte "Pizza Party" stattfinden würde. Aber wir mussten uns diesen Abend noch schwer verdienen - die 17h Klasse sprengte mit knapp 600 Yogis alles bisher Dagewesene. Zu den 430 Trainees und ungefähr 50 Staff Members & Visiting Teachers kamen nämlich noch 120 Recertifying Teachers, die hier waren um quasi ihr Diplom "aufzufrischen" - alle 3 Jahre muss man sich die Berechtigung, Bikram Yoga unterrichten zu dürfen, nämlich neu erwerben. Bikram überzeugt sich dann an einem Wochenende davon, dass diese Lehrer immer noch kompetent genug sind um seinen Yogastil zu unterrichten. Zu diesem Zweck wurden all diese Lehrer in den ersten 3 Reihen platziert, und wir musstem dementsprechend auf- und zusammenrücken, ich selbst fand einen Platz in der 4. Reihe, nicht allzuweit vom Podium entfernt. Gerüchten zufolge wurde der Raum vor Beginn der Einheit auf 120° Fahrenheit (=knapp 50° Celsius) beheizt, und durch die vielen zusätzlichen Schüler herrschte auch eine wesentlich höhere Luftfeuchtigkeit als sonst. Mit einem Wort - es herrschte Ausnahmezustand. Ich war zwar hochmotiviert und gut ausgeruht, aber nach etwa 30 Minuten half das auch nicht mehr - ich konnte dann meist nur noch das erste Set jeder Übung mitmachen, und gegen Ende der stehenden Übungen schaffte ich es nicht einmal mehr aufrecht zu stehen. Auch die Lehrer vor mir kämpften teilweise, und neben & hinter mir glich der Raum einem Schlachtfeld mit zahlreichen Verwundeten. Als meine Wasservorräte kurz nach dem Halbzeit-Savasana erschöpft waren, verliess ich für etwa 15 Minuten den Raum um mich abzukühlen sowie Wasser & Eis aufzufüllen. Ich verbrachte die gesamte Spine Strengthening Series draussen am Korridor, wo sich beunruhigende Szenen abspielten. Viele Leute hatten den Raum verlassen und saßen wütend, erschöpft, oder einfach nur heulend am Gang. Einige schafften es gar nicht mehr aus eigener Kraft und mussten rausgetragen werden; Mishon und einige andere Staff Members waren permanent damit beschäftigt den Raum zu scannen und die gefallenen Bikram Yoga Warriors zu entfernen. Während man durch die Tür gedämpft Bikram's Stimme völlig unbeeindruckt seinen Monolog, pardon - Dialogue, herunterbeten hörte (“1, 2, 3…6…9, 9 ½, 9 ¾, 9 plus one more quarter! And slowly down. Right ear on the towel, relax… not so bad second time, I didn’t say good, but not so bad... what do you think of my hair, can you believe that? I invented a new yoga posture that make my hair grow back, yyyeeesss, uuuumph!”) stellte sich wohl jeder - wenn auch nur für einen Moment - die Frage ob das noch sane ist was wir hier veranstalten. Zumindest in diesem Moment erschien es mir grenzwertig. Aber wenig später betrete ich den Raum wieder, nehme auf meinem heissfeuchten Handtuch Platz und stelle fest, dass ich die Klasse mit einem Ausrufezeichen beenden kann. Finish strong, wie es immer so schön heisst. Und nehme eine weitere Erkenntnis aus dem Training mit: es ist keine Schande den Raum verlassen zu müssen wenn man gestärkt zurückkommt... oder gelten in Klassen wie diesen einfach andere Maßstäbe? Wie oft schon bin ich zwar im Raum geblieben, aber die ganze Floor Series dahinvegetiert, like the dead meat in the cold storage (eigentlich müsste es in dem Fall "Hot Storage" heissen)? Ich weiss dass ich, zurück in Wien, wiederum kaum den Hotroom verlassen werde, aber ich habe kein schlechtes Gewissen es hier zu tun. Am Teacher Training laufen die Dinge nun mal anders, auch nach der Klasse: da gibt es kein "Namaste" von Bikram, sondern: "This was the worst class ever, in my whole life, not my teaching, but you guys. What a mess you are, WOW! Well my teaching the worst too, but that’s not what I meant. Boss, play track 8!" Und wieder werden wir mit einer unvermeidlichen Nummer aus Bikram's Lounge-CD beschallt, während der Feldherr uns genüsslich von seinem Sofa aus 2 Metern Höhe beobachtet, bzw. seiner Fahrstuhlmusik lauscht. "NOBODY loves himself more than me. I am sooooo in love with myself, you cannot believe it. And that's why i can love you guys!" Nach der Klasse sehe ich aus wie ein KZ-Überlebender, aber wenig später stärke ich mich mit Gratis-Pizza, Cherry-Cola, und beobachte amüsiert das Treiben am Dancefloor, wo Bikram in extravagantem Outfit gerade von Studenten umringt seine Moves zum besten gibt ("i used to teach Michael Jackson!"). Kurz zuvor hat er mit mir für ein Foto posiert, mir sanft seine Hand um die Hüften gelegt, und mit einem väterlich-stolzen Lächeln in die Kamera geblickt. Narzissmus sieht anders aus...




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