Dienstag, 11. November 2014

Erstmals "zurück" in meiner neuen Heimat!

Ich muss gestehen es fiel mir nicht leicht letzten Mittwoch in den Zug nach Innsbruck zu steigen, die Verlockung war groß noch bis Sonntag in Wien zu bleiben, 1-2 weitere Viennale Filme anzuhängen und noch ein wenig mehr Zeit mit Freundin, Freunden & Familie zu verbringen... obwohl ich mich in Innsbruck gut eingelebt habe, hatte ich das Gefühl wieder "zuhause" zu sein und dementsprechend schwer tat ich mir in meine neue "Heimat" zurückzukehren. Vor allem lag mir wohl im Magen dass ich in Wien zwar 6 Viennale Filme gesehen, aber keine 6 Zeilen für unser "Research Methods" Gruppenprojekt zuwege gebracht hatte. In diesem Fach (quasi einer Einführung in wissenschaftliches Arbeiten bzw. Statistik) hatten wir die Aufgabe, in willkürlich zusammengewürfelten 3er-Teams eine kleine wissenschaftliche Arbeit über maximal 20 Seiten zu schreiben und dafür ein knapp 2-wöchiges Zeitfenster zu Verfügung gestellt bekommen. Meine Partnerinnen, die junge Viola aus Salzburg (welche bereits ihren Bachelor am MCI gemacht hat) und die 28-jährige Michelle aus Los Angeles (die allerdings Deutsch spricht da sie eine Kärntner Mutter hat und zuletzt an der Webster University in Genf & Wien studiert hat) schienen sich bereits kopfüber ins Projekt zu stürzen, während ich Wien ein ums andere Mal im Kinosaal saß - und mit jedem Film wuchs mein schlechtes Gewissen.

Dass es in Strömen regnete als ich um 23 Uhr in Innsbruck aus dem Zug stieg, war auch nicht gerade aufbauend, aber als ich am nächsten Morgen aufwachte und dicke Schneeflocken vor meinem Fenster tanzen sah, hob sich meine Laune augenblicklich und das schlechtes Gewissen wich dem Tatendrang. Vormittags war nur eine fakultative Lehrveranstaltung angesetzt (eine Art Coaching bei dem man sich noch Tipps zum richtigen Schreiben und Zitieren für die Arbeit holen konnte)  zu der sich gerade mal eine Handvoll Studenten eingefunden hatten, doch ich war einer davon. Zwar kam auch ich spät, aber es blieb zumindest genug Zeit mir das Programm Citavi (welches das Recherchieren, Zitieren und Ordnen von wissenschaftlichen Quellen erleichtert) auf meinem Laptop zu installieren. Nach dem Mittagessen verfrachtete ich meine 4 Buchstaben an einen Tisch in der Bibliothek der "SoWi" (die Sozialwissenschaftliche Fakultät, deren Mensa und Bibliothek MCI-Studenten mitbenutzen dürfen) und begann mit der Recherche zum Thema "Lebensqualität", welches mein Teilgebiet der Arbeit war. Mit diesem Thema habe ich mich schon vor fast 10 Jahren bei meiner Physio-Diplomarbeit auseinandergesetzt, insofern fiel mir der Einstieg in die Materie nicht schwer, und all die konzentriert im Stillen Lernenden um mich herum spornten mich ebenfalls zur Arbeit an. Ich verbrachte einen produktiven Nachmittag bzw. Abend in der Bibliothek, welche ich erst gegen 21:30 als einer der Letzten wieder verließ.



Den Frei-tagvormittag, der tatsächlich (unterrichts-)frei war, verbrachte ich dann zuhause mit dem Schreiben meines Teils, am Nachmittag hieß es dann die unterschiedlichen Teile unserer Arbeit zusammenzufügen. Diese sollte der Frage nachgehen ob Studenten eine höhere Lebensqualität haben als die arbeitende Bevölkerung (eine Frage die die meisten wohl aus dem Bauch heraus mit "Ja" beantworten würden, unsere Ergebnisse bestätigen diese naheliegende These jedoch nicht) - Michelle war als Native Speaker für das Einführungskapitel zuständig, ich für das eher philosophisch-sozialwissenschaftliche Kapitel zur Messung von Lebensqualität, und Viola (die aufgrund ihrer Erfahrungen im Bachelor-Studium am kompetentesten mit dem Statistikprogramm SPSS umzugehen wusste) war für den methodischen Teil der Arbeit verantwortlich; sie hatte bereits einen Online-Fragebogen per Limesurvey erstellt (welcher per E-Mail & Facebook an mehrere hundert Personen in unserem Freundes- & Bekanntenkreis geschickt wurde), übernahm mit Michelle die statistische Auswertung desselben, steuerte aber auch noch einges an Text zur Interpretation der Arbeit bei - mit anderen Worten: sie steckte sicherlich am meisten Zeit in diese Arbeit, und somit nahm das Ding dann auch schon am Freitagabend konkrete Formen an. Am Samstag fiel es mir zu, unsere unterschiedlichen Literatur-Datenbanken mittels Citavi zusammenzuführen (da zahlte es sich dann aus dass ich mir das Programm am Donnerstag installiert und mich ein wenig damit auseinandergesetzt hatte) um ein komplettes Literaturverzeichnis anhängen zu können, und dann hiess es vor allem Korrekturlesen und viele Kleinigkeiten ausbessern. Am Sonntag morgen las ich mir die 19 Seiten lange Arbeit ein weiteres mal durch, korrigierte erneut viele Kleinigkeiten, vereinheitlichte unseren Zitierstil und schickte die Arbeit dann in Absprache mit den anderen an Prof. Mevenkamp. Endlich kehrte Ruhe ein, aber das änderte sich schlagartig als ich beim Mittagessen von meinen Kolleginnen eine Nachricht bekam dass wir einen "GROSEN FEHLER" gemacht hätten und den Zitierstil unbedingt in "APA 6th Edition" ändern müssten, da dies der auch für diese Arbeit gültige MCI-Standard sei. Ich versprach mir das sofort anzusehen, aß hastig fertig, machte mich schnell an den Geschirrabwasch - und handelte mir mit meinem neuen, scharfen und vor allem spitzen IKEA Messer eine Schnittwunde im Mittelfinger ein...

 

Als die Blutung halbwegs gestillt war, teilte ich den Mädels mit dass es zu spät für Änderungen sei, und ich mit meinem verbundenen Finger ausserdem nun auch gehandicapt beim Tippen sei. Der Zitierstil liess sich nicht so im Handumdrehen mit einem Mausklick verändern wie die beiden sich das erhofft hatten, und somit plädierte ich dafür es dabei zu belassen, auch wenn wir dafür Punkteabzüge bei der Arbeit in Kauf nehmen müssten - nobody's perfect! Die Arbeit lag schliesslich längst im Postfach des Professors und weitere Mails hätten meiner Meinung nach nur Unruhe hineingebracht und ihm gezeigt dass wir in letzter Sekunde noch versuchen daran herumschustern. Ich schlug Viola & Michelle vor dass wir uns kommende Woche nochmal zusammensetzen sollten um unsere Zusammenarbeit zu reflektieren (immerhin hatte ich die beiden über eine Woche nicht mehr gesehen und die gesamte Kommunikation mit ihnen war nur noch virtuell erfolgt), aber ich bekam keine Antwort mehr darauf und bin nun sehr gespannt wie sie sich kommende Woche verhalten werden und ob "silent grudges" nun die Konsequenz aus dieser Arbeit sein werden. Muss es am Ende wirklich so sein wie auf diesem Foto das mir meine liebe Ex-Physio Kollegin Fanny geschickt hat?

 

Das fände ich jedenfalls sehr schade. Zugegeben, von den abgebildeten Typen aus "Hangover" war ich diesmal sicherlich nicht jener ganz links - aber auch keiner der drei anderen. Ich habe anfangs weniger Arbeit beigesteuert, allerdings kam ich mir in der Kommunikation auch oft übergangen vor; so beschlossen die beiden beispielsweise während einer Unterrichtseinheit kurzerhand vom Thema "Selbstmord - Vergleich zwischen Österreich und Ungarn" auf "Lebensqualität zwischen Studenten und Arbeitenden" umzuschwenken und stellten mich vor vollendete Tatsachen, oder vielmehr: ich erfuhr es zufällig auf Nachfrage hin. Und das, nachdem ich mir zum erstgenannten Thema bereits Literatur aus der Bibliothek geholt hatte...

Ich konnte den Themenschwenk durchaus verstehen und mittragen - allerdings hätte ich es schon nett gefunden wenn man mich zumindest dazu befragt hätte... und solche Dinge passierten mehrfach, ich kam mir eigentlich von Beginn an ein bisschen ausgeschlossen vor und weiss nicht wirklich woran es lag (am Altersunterschied vielleicht?); deshalb fände ich es eben interessant nochmal offen darüber zu sprechen und sozusagen reinen Tisch zu machen - ansonsten beschleicht mich nämlich das Gefühl jetzt 2 potentielle Freunde weniger in meinem Jahrgang zu haben. Ich war in den letzten 4 Tagen ebenfalls mit viel Engagement an der Sache, hatte aber am Ende das Gefühl dass die beiden die Arbeit nur noch loswerden wollten wie eine heisse Kartoffel. 

Naja, zu Erfreulicherem: ich habe meine erste Note bekommen, und es ist ein "Sehr gut"! Mein 6 Seiten starkes Essay "I as a Leader" in Fundamentals of Management wurde von Prof. Ole Berg aus Oslo mit 91/100 Punkten bedacht, womit ich - soweit ich das mitbekommen habe - zu den Klassenbesten gehöre. Vor allem aber hat mich das detaillierte und wohlüberlegte Feedback beeindruckt dass er jedem einzelnen Studenten angedeihen ließ. In meinem Fall liest sich das so:

" (...) You have always, you say, been interested in yourself – in finding out who you are and can become. You have also pursued this interest in a practical way, by trying out a number of jobs and professions. Your search for yourself has paid off this time, that is, academically. You are describing yourself very openly and using theory to shed light on who you are and why you are like you are. The story you are telling is fascinating, indeed moving, but also professionally interesting. It is a story where you, gradually, are discovering yourself as a potential manager. Your “landing” in Innsbruck has been (almost) a natural consequence of your upbringing, travelling, work experiences and self-exploratory reflections, and the beginning of the rest of your life, for you and for your partner. (...) You have written a very good paper. It is academically strong and pedagogically successful. I wish you all the best when you embark upon the rest of your life!"

Ich war wirklich gerührt, denn in kann mich nicht erinnern wann ich zuletzt eine solch detaillierte Evaluierung (der gesamte Text ist etwa um das 3-fache länger...) erhalten hab - erst recht von einem Vortragende mit dem ich gerade einmal 3 Tage verbracht habe! Ich war doch ein wenig stolz, weil ich auch wirklich einige Zeit in diese Arbeit gesteckt habe, muss aber gleichzeitig einräumen dass mir die offene Aufgabenstellung sowie das fast schon philosophische Thema dieser Arbeit auch entgegengekommen sind, eine so gute Figur werde ich sicher nicht in allen Fächern abgeben...

Wo sich mein Alter unter Umständen ebenfalls positiv ausgewirkt hat, ist bei der Wahl zum Jahrgangssprecher: da habe ich nämlich letzte Woche mit 15 Stimmen knapp die Mehrheit vor unserem indischen Arzt Neil (14) und unserem australischen Sunnyboy Ross (11) erhalten, und es freut mich dass ich diese Aufgabe übernehmen darf. Was ich allerdings etwas schade finde ist dass unser Jahrgang, welcher zu 2/3 aus Frauen besteht, nun von 3 Männern repräsentiert werden soll. Naja, nachdem sowohl Neil als auch Ross bereits im nächsten Semester Innsbruck wieder verlassen (sie gehören zu den zahlreichen Studenten die sich für das EU-HEM Projekt entschieden haben bei dem man 2 Semester an 2 unterschiedlichen Unis im Ausland verbringen und dadurch multiple degrees, also Abschlüsse von mehreren Universitäten, erlangen kann) werd ich mich vielleicht um eine weibliche Stellvertreterin ab dem 2. Semester bemühen...

Vielleicht liegt es ebenfalls am Alter dass es mich nicht wirklich in die Ferne zieht - ich verstehe zwar das Fernweh meiner Kommilitonen (ich war ja mit Anfang, Mitte 20 auch nicht anders) aber hätte selbst keine Lust ständig woanders meine Zelte aufzuschlagen und nirgends richtig heimisch zu werden. Ich habe mich daher für den regulären Studienverlauf entschieden, wo nur das 3. Semester als optionales Auslandssemester vorgesehen ist. Aber selbst da bin ich noch unschlüssig. Einerseits würde ich sehr gerne eine der Partneruniversitäten unseres Studiengangs nützen (zur Auswahl stehen begrenzte Plätze in Prag, Oslo, Athen, Kuopio, Rotterdam & Maastricht), andererseits bietet Innsbruck diese herrliche Bergkulisse direkt vor der Haustür, und nicht zuletzt ist ja meine Wahl auch deshalb auf diese Stadt gefallen. Ausserdem fühle ich mich im "Ungarnheim" extrem wohl, und verbringe ja gewissermassen auch hier ein Auslandssemester indem ich mit vielen Ungarn zusammenwohne und meine Sprachkenntnisse verbessern kann. Heute beispielsweise habe ich mit meinem Mitbewohner Péter Lorencz aus Szombathely 2 Stunden Gemeinschaftsarbeit geleistet und in unserem Garten Laub zusammengetragen, dabei ein paar neue ungarische Vokabel gelernt (gerebje = der Rechen, bzw. tíz-ágos gerebje, der "10-gliedrige Rechen" = wenn man mit blossen Händen das Laub aufheben muss *g*) und ausserdem auch gleich eine schöne Ernte Walnüsse für meine nächsten Frühstücksmüslis eingefahren:

 

Weiters habe ich am Sonntag vormittag mit meiner ungarischen Mitbewohnerin Anna aus Kecskemét sowie meinem indischen Studienkollegen Neil eine Yogaeinheit in meinem Zimmer abgehalten - ist es nicht kurios dass ein weisser Mitteleuropäer einem Inder Yoga beibringt? Wir leben wahrlich in einer globalisierten Welt! Neil war total begeistert und hat danach 3 Stunden "geschlafen wie ein Baby", wie er mir später am Abend erzählt hat als ich ihn und 4 weitere Studienkollegen (Samuel & Adam aus der Slowakei, Marten aus Mainz sowie Isabel aus Vorarlberg) zu einem kleinen Umtrunk bei mir im Zimmer (alle waren sich einig dass meine Bleibe eher die Bezeichnung "Wohnung" verdient) empfing. Neil hätte eigentlich schon letztes Jahr am MCI studieren sollen, erlitt jedoch in Dubai (wo er seit seinem 7. Lebensjahr zuhause ist) bei einem Autounfall einen Wirbelbruch und musste daher den Antritt zum Studium um ein Jahr verschieben. Seither leidet er nach eigener Aussage immer wieder unter Schmerzen, welche jedoch - wie er mir erstaunt erzählt hat - nach dem Yoga wie weggeblasen waren. Ich hoffe es folgen noch viele weitere Yogaeinheiten wie diese; auch wenn mein Yogalehrerdasein derzeit ein wenig in den Hintergrund getreten ist: es erfüllt mich nach wie vor mit grosser Freude andere Menschen dafür zu gewinnen bzw. im Idealfall sogar zu begeistern! Und ich habe vor, diese privaten Klassen meinen Mitbewohnern im Studentenheim regelmässig an Sonntagen anzubieten!






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