Freitag, 22. Juli 2011

California Campervan Surfari (Week 13/14)


Der Campervan-Trip mit Kati war für mich die Erfüllung eines lange gehegten Traumes. Schon bevor ich den Führerschein gemacht habe (und das ist mittlerweile bereits 17 Jahre her), war ein VW-Bus für mich der Inbegriff von Freiheit auf 4 Rädern, starke Autos oder hohe Geschwindigkeit haben mich nie interessiert. Meine Schwäche für VW-Busse entstand, als wir mit meiner Familie jährlich am Lago di Garda Sommerurlaub gemacht haben. Jahrelang wohnten wir in derselben Pension, Casa Morandi in Torbole, unter dem Patriarchat eines strengen Hausherren (mit Anekdoten über ihn liesse sich ein eigener Blogeintrag füllen) und verbrachten dort viele coole Surf-Urlaube. Der Gardasee ist aufgrund seiner thermischen Winde besonders bei Wind-, und mittlerweile auch Kitesurfern sehr beliebt, die ihn bloss zärtlich "Lago" nennen. Und so findet man im nördlichen, windigen Teil des Sees eine spezielle Art von Tourist: den Lago-Surfer!

Der Lago-Surfer ist häufig Münchner, Tiroler oder Wiener, trägt sein Haar bevorzugt lang, und fährt einen mit zahlreichen Stickern vollgeklebten VW-Bus, das ultimative Surfmobil. Beim Design und der Ausstattung sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt - manche Busse sind bunt oder gar bemalt, und das Innenleben eines Busses kann vom einfachen Matratzenlager bis zur ausgeklügelten, ultrakleinen Garconniere alles enthalten. Was aber fast alle Surfmobile am Lago gemeinsam hatten: Vorhänge. Und diese waren meist noch zugezogen, wenn ich am Vormittag auf dem Weg zum Strand am Parkplatz vorbeikam, was meine Neugier & Phantasie aber umso mehr anfachte. Manchmal sah ich bloss einen Fuss zwischen den Vorhängen herausragen, manchmal aber auch einen ganzen Lago-Surfer unter der geöffneten Rückklappe mit seiner bildhübschen Lago-Surferin frühstücken. Und von diesem Moment an hatte ich meinen Traum. Leider ist es bisher aber auch immer ein Traum geblieben, weiter als zum alten VW Golf meiner Mutter hab ich es nie gebracht, und ein Golf bleibt eben immer ein Golf, auch wenn man ihn noch so sehr mit Surf-Aufklebern verziert. Mittlerweile ist er im Golf-Himmel, und seit 3 Jahren hab ich überhaupt kein Auto mehr. Irgendwann hab ich meinen Surf-Bus wohl als Bubentraum abgehakt, und mich stattdessen darauf verlegt erstmal meine Lago-Surferin zu finden, quasi das Pferd von hinten aufzäumen usw...

Man kann sich also vorstellen, was es für mich bedeutete, mit meiner Freundin Kati in einem VW Vanagon, Baujahr 1981 (komplett mit Westfalia Camping-Ausstattung) Kalifornien unsicher zu machen... es war als ob all die coolen Lago-Surfer, die ich in meiner Jugend bewundert habe, mich endlich in ihre Mitte nehmen, mir wohlwollend auf die Schulter klopfen, und sagen: "Welcome to the Club. Hang Loose."


Mir diesen Traum zu erfüllen, hat natürlich auch etwas Geld gekostet: für unseren VW Vanagon, den wir bei Gabriel Bejenaru von California Campers in Redwood City (etwa 30 Minuten südlich von San Francisco) anmieteten, haben wir für 9 Tage Mietdauer inkl. Versicherung und 100 Freimeilen/Tag 1.330 US$ hinblättern müssen. Aufgrund des derzeit schwachen Dollarkurs wurden daraus zwar weniger als 1.000 EUR, aber billig war es natürlich trotzdem nicht für ein Auto dass nur mit Mühe die 65 mph-Beschränkung auf den Freeways erreicht, und dessen Gangschaltung ausgeleiert war wie eine alte... Kaffemühle. Den 1. Gang hat Rosemary, wie wir sie spontan getauft haben, gerne mal komplett verweigert, aber nach einer kurzen Eingewöhnungsdauer hatte ich Rosie (wie wir sie meistens genannt haben) einigermassen im Griff und es konnte losgehen. Zunächst ging es zurück nach San Francisco um unser ganzes Gepäck abzuholen, und beim Verstauen desselben stellte sich schon mal heraus welch Platzwunder ein solcher VW Bus ist. "Die Strassen von San Francisco" waren die erste grosse fahrtechnische Herausforderung (Anfahren mit Handbremse muss beherrscht werden!) und der Presidio Park unsere erste Picknick-Pause!


Dort hatten wir unsere erste kuriose Begegnung mit einem guterzogenen, jungen Mann in Dreadlocks, der sich höflich nach unseren Reiseplänen erkundigte. Nichts ungewöhnliches in San Francisco, sollte man meinen, aber der junge Mann stellte sich als der Sohn der ehemaligen US-Botschafterin in Österreich, Swanee Hunt, heraus! Als solcher hatte er von 1993 bis 1997 4 Jahre in Wien verbracht und sprach dementsprechend auch noch ein wenig Deutsch. Warum er uns ausgerechnet an jenem Nachmittag im Presidio über den Weg lief? Seine Mutter Swanee lud dort an jenem Abend zu einer Präsentation ihres Buches "Worlds Apart", welches sich mit den US-Interventionen während des Krieges in Bosnien beschäftigt. Als er uns erzählte dass er und seine Mutter den ganzen Weg von der Ostküste im Auto zurückgelegt und ihre Unterkünfte via Couchsurfing organisiert hätten, war ich recht beeindruckt und hätte mir die Präsentation seiner coolen Mama am liebsten angesehen, aber es galt schliesslich unser erstes Etappenziel Half Moon Bay zu erreichen!

Wir arbeiteten uns also entlang der Küste am legendären Highway 1 entlang. Die Fahrt entlang der Küste war vor allem zu Beginn geprägt vom alles umgebenden Nebel - die Bucht von San Francisco saugt wie ein Ventil Luft ins warme Landesinnere, welche über dem kalten Pazifik dann die berühmten Nebelschleier bildet - daher ist der Nebel auch im Sommer (wenn der Unterschied zwischen Luft- und Meerestemperatur am grössten ist) am hartnäckigsten. So reizvoll es auch sein mag, ein Häuschen am Strand von Pacifica (ein Vorort von San Francisco) zu besitzen - wenn es den ganzen Sommer über in Nebel getaucht ist, stell ich mir das auch irgendwie frustrierend vor...


Unsere Reiseroute war nicht so durchgeplant wie zuvor jene mit Dieter & Martin - ich hatte mir zwar grobe Etappenziele überlegt, aber wollte eher spontan, nach Lust & Laune entscheiden wo ich übernachte - wozu hat man schliesslich einen Campingbus? Tatsache ist aber, dass man damit auch nicht immer und überall stehen darf, und Kati's grösste Angst bestand darin, dass ihr mitten in der Nacht im Schlaf ein Polizist eine Taschenlampe ins Gesicht hält. Dass unser Schlafplatz zumindest Sanitäreinrichtungen für die Morgentoilette besitzen sollte, darüber waren wir uns auch einig, somite wurden State Parks zu unserer bevorzugten Heimstätte. Zwar fielen damit pro Nacht im Schnitt weitere 30$ an Eintritts- und Campingplatzgebühren an, aber dafür hatten wir alles was wir benötigten, und das meist in recht ansprechender Umgebung. Der Butano State Park in der Nähe von Pescadero war unser erster Campground, und inmitten von mächtigen Redwood Trees auch gleich einer der schönsten der gesamten Reise.


Längere Aufenthalte im Bereich des Highway 1 legten wir in Santa Cruz & Monterey ein. Santa Cruz gefiel mir mit seinem Surf-Vibe besonders gut, dort hätt ich es auch länger ausgehalten. Ich lieh mir auch ein Surfbrett, mit dem ich am populären Surfspot Steamer's Lane mein Glück versuchte. Zum Aufputschen statteten wir davor auch noch dem Santa Cruz Surfing Museum einen Besuch ab, welches direkt oberhalb der Klippen in einem kleinen Leuchtturm untergebracht ist. Von den Klippen aus kann man den Surfern quasi 1. Reihe fussfrei beim Shredden zusehen. Ich als Anfänger wagte mich natürlich nicht in diesen Könnern vorbehaltenen Bereich vor, sondern versuchte mein Glück eher in der von kelp übersähten Randzone. An diese Schlingpflanzen muss man sich in Santa Cruz gewöhnen - der Typ im Surfshop meinte nur lässig "it's like Miso Soup"'! In dieser durfte ich dann auch ausgiebig baden, als nach nur etwa 5 Versuchen meine Leash abriss und ich an Land schwimmen musste während ein anderer Surfer am Ufer mein Brett sicherstellte... damit war mein Surftag recht schnell beendet, aber mit meinem Kurzarm/bein-Neopren hätte ich es bei den Temperaturen in Santa Cruz ohnehin nicht viel länger ausgehalten. Dennoch: Steamer's Lane war dennoch der Surfspot den ich am besten in Erinnerung behalten werde!


In Monterey hielten wir uns ebenfalls ein wenig länger auf, im Veteran's Memorial Park Campground gab es zur grossen Freude Kati's sogar heisse Duschen. Weniger Freude hatte sie dafür mit einem ungebetenen Gast: gerade als sie sich im Bus umzog, hörte sie ein Geräusch auf der Kühlerhaube, und als sie durch die Windschutzscheibe blickte, starrte sie direkt einem Raccoon in die Augen! Leider war ich gerade unter der Dusche, denn wo der Waschbär seinerseits hingestarrt hat, würde mich schon interessieren! Kurz zuvor hatte ich ihn am Weg zum Waschraum schon bei den Mistkübeln überrascht, oder besser gesagt er mich, immerhin hatte ich noch nie einen Waschbären in freier Wildbahn gesehen, und die Viecher sind ganz schön gross! Sie sind ein häufiges Problem auf nordamerikanischen Campingplätzen, und repeated offenders müssen manchmal sogar beseitigt werden.


In Monterey besuchten wir ausserdem gemeinsam eine Klasse im örtlichen Bikram Yoga Studio (wo es interessanterweise keine Duschen gab, der Besitzer aber dafür so nett war unsere verschwitzte Yogawäsche zu waschen) und natürlich auch das bekannte Monterey Bay Aquarium, welches am Gelände einer ehemaligen Sardinenfabrik errichtet wurde. Etwa zur Zeit des 2. Weltkrieges war Monterey die Sardinen-Hochburg der USA, die "Cannery Row" wurde durch den gleichnamigen Roman von John Steinbeck berühmt, welchen ich mir auch in einem Buchladen im Ort gekauft habe. Das Aquarium war sehr voll, aber dennoch den Besuch wert - und neben vielen anderen Meeresbewohnern gab es natürlich auch jene zu bewundern die die Stadt reich & berühmt gemacht haben:


Der 100 km lange Küstenstreifen von Big Sur - laut Lonely Planet mehr ein state of mind als ein Ort auf der Karte, bot frische Luft, tolle Fotomotive, Ruhe, Abgeschiedenheit - und dennoch volle Campingplätze. Zu Kati's Entsetzen parkte ich daher einfach auf einem grossen, asphaltierten Parkplatz an der Küstenstrasse; einmal dem Tosen der brechenden Wellen beim Zähneputzen zuhören zu können, war das Risiko auch allemal wert.


Den Abstecher nach Hearst Castle überliessen wir den Touristenbussen und fuhren stattdessen ins Landesinnere und über den schnelleren Highway 101 wieder Richtung Norden. Unser nächstes Ziel war Pinnacles National Monument, und dafür mussten wir bei King City auf den einsamen Highway 25 abbiegen. Wieder einmal staunte ich über die landschaftliche Vielfalt Kaliforniens - gerade noch waren wir an einer schroffen Küstenstrasse unterwegs gewesen, nun fuhren wir auf einer einsamen Strasse durch eine goldgelb gebürstete Hügellandschaft, die ich eher mit Texas assoziert hätte. Auch die Temperaturen waren deutlich wärmer, und bei offenem Fenster diese knappe Stunde am Highway 25 entlang zu cruisen, während wir dem sanften Folk von Iron & Wine lauschten - das war nicht Autofahren, sondern Entspannung pur!


Am Pinnacles Campground war das Campen wiederum kein Problem, dieser Park liegt doch ein wenig off the beaten path, und ist selten auf Touristenrouten zu finden. Wir hatten erstmals einen "RV-Hookup", konnten unsere Rosie also unter Strom setzen; ausserdem schliefen wir erstmals im Hochdach, was uns das Umräumen des Gepäcks ersparte. In diesem Fall wird ein solcher Bus fast zur Zweizimmerwohnung - während Kati sich bereits oben im "Schlafzimmer" hinlegte, konnte ich noch unten im "Wohnzimmer" am PC arbeiten! Es war allerdings unsere einzige Nacht im Hochdach, da oben ist man den Elementen (einerseits Kälte, aber auch Hitze, sobald die Morgensonne aufs Dach strahlt) doch um einiges mehr ausgeliefert, und im Umräumen des Gepäcks wir hatten wir ja schon Routine .


Wir unternahmen eine längere Wanderung durch die Pinnacles, wo wir einen guten Überblick über die vulkanischen Gesteinsformationen bekommen konnten. Auch meine Kletterschuhe wurden erstmals geschnürt, aber als Klettergebiet blieben mir die Pinnacles etwas suspekt, das vulkanische Gestein greift sich teilweise an wie Pappmaschee, und ist auch ähnlich stabil - Griffen & Tritten kann nur bedingt vertraut werden, da sie teilweise einfach "abblättern" - da war mir der Sandstein in Zion oder der Granit in Yosemite schon deutlich lieber!


Als nächstes nächtigten wir im Henry Coe State Park, dem grössten State Park Kaliforniens, der aber ebenso wie viele andere aufgrund mangelnder Fördermittel möglicherweise bald geschlossen werden muss. Danach fuhren wir nach San Jose, eine Stadt die ein bisschen im Schatten von San Francisco steht und die ebenfalls seltener zum Standardprogramm gehört. Ich hatte allerdings guten Grund dorthin zu fahren, denn ich traf meinen alten Freund, John Beason, den ich im Zuge meiner Australien-Reise 2002 kennengelernt hatte. Er und seine Frau Melinda waren auch so nett uns in ihr Häuschen im Vorort Campbell einzuladen, wir durften also zur Abwechslung mal wieder in einem Bett schlafen!

Melinda + Hund Elise, John, Kati & meine Wenigkeit

Zurück in der Bay Area fuhren wir via Oakland ins Sonoma Valley, auch bekannt als Wine Country. Sonoma ist weniger versnobt als das benachbarte Napa Valley, und mit unserem klapprigen VW Bus waren wir im örtlichen Sugarloaf Ridge State Park auch besser aufgehoben. Trotzdem liessen wir auch die obligatorische Weinverkostung nicht aus - gut dass es vom Weingut LANDMARK nur wenige Meilen bis zum Campingplatz waren, wir hatten nach unserem Picknick und einer Flasche Chardonnay nämlich ganz schön einen sitzen!


Zum Abschluss ging es nochmal an die Küste, nach Bodega Bay, wo uns aber leider die Zeit für einen längeren Aufenthalt fehlte. Dafür kamen wir nochmals zu einer Gratisunterkunft in Petaluma, wo uns der Besitzer des örtlichen Yogastudios, Jeff Renfro, anbot nach der Klasse in seinem Haus zu schlafen. Kurioserweise war er bereits auf der Couch eingeschlafen als wir an seine Tür klopften, und auch sonst nicht sehr gesprächig. Aber das Studio ist wohl eines der coolsten in den USA, mit einem kunterbunten Artwork, für welches sein Bruder verantwortlich zeichnet. Zurück in San Francisco durften wir zum krönenden Abschluss noch mit Rosie über die Golden Gate Bridge fahren, ein Erlebnis das die 6 US$ Maut absolut wert ist., und am nahegelegenen Muir Beach hielt mich Kati bei einer fortgeschrittenen Variante des Balancing Stick fest:

"Balancing Stick" - the real deal!

Wenn ich dachte, ich könnte mit dieser Reise den Bubentraum vom VW Bus endgültig hinter mir lassen, dann hab ich mich gründlich getäuscht - nun weiss ich erst recht, dass ich irgendwann selbst einen solchen Bus besitzen muss!

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