Donnerstag, 15. September 2011

9/11 in Big Sky Country!


10 Jahre ist es jetzt also her, dass Al-Quaida-Attentäter im Kamikaze-Stil in New York's Twin Towers flogen... wenn ich daran zurückdenke, kommt mir heute noch die Gänsehaut. Ich schob an jenem Nachmittag Dienst in der Notrofzentrale von Mondial Assistance, und kam gerade rechtzeitig ins Büro nebenan, um auf einem kleinen TV-Gerät den 2. Flieger in den Turm krachen zu sehen. Es war so surreal, dass ich meinen Augen kaum traute - bis dahin hatte man ja noch einen Unfall vermutet, doch das sah eindeutig nach Absicht aus!

In den Jahren darauf, als die USA vergeblich nach den weapon of mass destruction im Irak suchten, wuchs der Antiamerikanismus und so manches Grossmaul meinte, die USA hätten sich 9/11 "verdient" (als ob all die Feuerwehrleute irgendwas für die Politik ihres Landes könnten!) Es gab auch Leute, die Verschwörungstheorien anhingen, wonach George W. Bush und sein Clan all dies eingefädelt hätten um an die Ölreserven des Irak zu kommen... c'mon, gimme a break!

9/11 hat tiefe Spuren im kollektiven Bewusstsein der Amerikaner hinterlassen, das war auch am 10. Jahrestag der Katastrophe deutlich zu spüren - selbst in einem Kuhdorf wie Glacier Park in Montana. Bei allen Baseball- und Footballspielen wurden an diesem Tag Schweigeminuten eingelegt, und die Tageszeitung aus Great Falls brachte einen grossen Spezialteil über die Katastrophe, den ich mir nach meiner Ankunft beim Frühstück zu Gemüte führte - die Reportagen beschränken sich aber grösstenteils darauf, wie am 11. September 2001 in Montana zur Welt gekommene Kinder seither ihre Geburtstage mit gedämpfter Freude feiern müssen, und auf die üblichen Diskussionen zu den Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen. Offensichtlich war also niemand aus Montana direkt von der Katastrophe (die unglaubliche 3.000 Menschen das Leben gekostet hat) betroffen, das liegt neben der grossen Entfernung zu New York wohl auch an der dünnen Besiedelung des Bundesstaates, den sie nicht umsonst gerne Big Sky Country nennen.


Mein Aufenthalt in Montana fiel nun deutlich kürzer aus als geplant - eigentlich hätte einen ganzen Monat in der College-Stadt Missoula verbringen und für das örtliche Bikram Yoga Studio arbeiten sollen, worauf ich mich eigentlich schon sehr gefreut hatte. Aber in Seattle musste ich mir eingestehen dass ich mein Konto schon längst überstrapaziert habe, und dass es vielleicht eine gute Idee wäre früher heimzukommen, nachdem sich dort langsam die unbezahlten Rechnungen stapeln. Ich hätte in Missoula unbezahlt an die 40 Klassen in einem Monat unterrichtet; damit hätte ich zwar kein Problem gehabt, ausschlaggebend für meine Absage waren aber andere Dinge: in erster Linie die anstrengende Anreise (mit dem Zug nach Spokane, Ankunft um Mitternacht, und weiter mit dem Greyhound um 5:00 Uhr morgens, mit all meinem Gepäck wahrlich kein Vergnügen) und vor allem tat sich die perfekte Zugverbindung auf (mit der ich Leavenworth, Glacier Park & Chicago allesamt noch gratis in meinem Railway Pass unterbringen konnte) falls ich mich zur früheren Heimreise entschliessen würde. Und so traf ich an einem turbulenten Vormittag in Seattle die Bauchentscheidung, nicht nach Missoula zu fahren, und meinen Aufenthalt in Big Sky Country auf den Glacier National Park zu beschränken. Dieser feiert bald sein 100-jähriges Bestehen, aber niemand denkt daran eine Party zu schmeissen. Wieso? Weil die Gletscher, die dem Park seinen Namen gegeben haben, akutellen Prognosen zufolge schon in 10 Jahren restlos geschmolzen sein könnten. Visit while you still can lautet die Devise, und ich bin froh dass ich ausgerechnet mit diesem Park das "Dutzend vollgemacht" habe - einer der ersten Nationalparks des Landes, und der 12. und letzte meiner Reise!

Glacier Park Lodge

Bereits die Anreise war sehenswert (der Empire Builder durchquert dabei ein Randgebiet des Parks) und wenn man die Glacier Park Lodge (direkt vis-a-vis vom Bahnhof) betritt hat man das Gefühl eine Zeitreise zu unternehmen. Die Lodge wurde damals errichtet um gemeinsam mit dem Zug das Reisen in Nationalparks für Amerikaner attraktiver zu machen. Damals war dies hauptsächlich wohlhabenden Amerikanern vorbehalten, heutzutage kann auch ein kurz vor dem Privatkonkurs stehender Physiotherapeut aus Österreich dorthin fahren. Die Lodge bot mir sogar einen attraktiven Walk-In-Preis an (99$ für ein Zimmer anstatt 140$, immerhin steht die Saison kurz vor dem Ende) aber ich beschloss das Geld zu sparen bzw. lieber in eine der legendären Touren mit dem Red Bus, ebenfalls eine langjährige Institution im Glacier Park, zu investieren.


Unterschlupf fand ich wesentlich günstiger (für 20$ pro Nacht) im Brownie's, einem urigen Hostel, das im 1. Stock einer Bäckerei untergebracht war. Selten hab ich in den USA so gut geschlafen wie dort, was ich zu gleichen Teilen auf die Frischluft Montanas, den herrlich knarzenden Holzkorridor, sowie auf den Geruch frischer Backwaren zurückführe, welcher ab den frühen Morgenstunden aus dem Erdgeschoss heraufdrang! Es gab auch eine gemütliche Lounge mit alten abgewetzten Sofas, wo man es sich mit einem Buch oder dem PC gemütlich machen konnte, und dort traf ich Jacklyn (Jaqueline?) aus Atlanta, die wie ich den ganzen Sommer über im Westen der USA unterwegs war und zwischendurch für freie Kost & Logie auf Farmen mitarbeitete (das sogenannte WWOOFing, falls es jemandem kein Begriff ist).


Sie hatte im Gegensatz zu mir auch ein Auto, und nachdem ich am ersten Tag für 40$ eine kombinierte Bus- und Bootstour im Secret Valley (einem eher wenig besuchten Abschnitt des Parks) unternommen hatte, wurde ich nun am 2. Tag mit dem Auto auf eine Tour über die Going-to-the-Sun-Road mitgenommen, einer 50 Meilen langen Strasse die durch das Herz des Parks über den Logan Pass führt. Am Logan Pass befanden wir uns direkt auf der Continental Divide - der riesigen Wasserscheide der Rocky Mountains die den Park in 2 Hälften teilt und sämtliches Wasser entweder nach Osten (über den Missouri/Mississippi River in den Golf von Mexiko) bzw. Westen (über den Columbia River in den Pazifik) abfliessten lässt Auf beiden Seiten der Continental Divide gibt es glasklare Gletscherseen zu bewundern, und wir sind am Lake St. Mary für ein Foto stehengeblieben:


Vom Logan Pass unternahmen wir ausserdem eine kurze Wanderung über den populären Hidden Lake Trail, der den Blick auf einen weiteren Gletschersee freilegt und wo wir schneeweisse Bergziegen, zahlreiche Murmeltiere sowie das eine oder andere Reh beobachten konnten.

Braunbären - in dieser Gegend als Grizzlies bekannt und unter Wanderern besonders gefürchtet - sind wir jedoch glücklicherweise nicht begegnet. Diese können vor allem auf Wanderungen in entlegeneren Regionen des Parks zum Problem werden (heuer gab es bereits 2 tödliche Grizzly-Attacken, allerdings beide im Yellowstone Park, welcher eigentlich weniger Braunbären beheimatet), weshalb ich auch von meinen ursprünglichen Plänen für ein 4. Backcountry-Abenteuer (nach dem Grand Canyon, Saguaro & Olympic Nationalpark) Abstand genommen habe. Abgesehen davon, dass mir nun die Zeit dafür fehlte, hätte ich mir für einen solchen Trek in der Many Glacier Region des Parks zumindest 2-3 Kollegen gewünscht. Wie hatte es irgendjemand im Yosemite so schön auf den Punkt gebracht? "You can't outrun a grizzly, but you can outrun at least one other guy!"


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen