Donnerstag, 15. September 2011

Willkommen in Leavenworth!

OK, nun zum wohl bizarrsten Kapitel meiner USA Reise! Zunächst einmal: ja, ich befinde mich tatsächlich noch in den USA! Ich bin nicht spontan zum Oktoberfest nach München geflogen (obwohl das keine schlechte Idee wäre)! Tatsächlich muss man sich als Österreicher oder Deutscher zunächst einmal die Augen reiben, wenn man nach Leavenworth kommt. Denn obwohl einem alles sehr vertraut vorkommt: inmitten von Washington State am Fusse der Cascades plötzlich in ein bayrisches oder österreichisches Alpendorf gebeamt zu werden ist dann doch ein wenig surreal.


Zur Erklärung: Leavenworth war einmal eine kleine Holzfällerstadt, wie es im Pacific Northwest viele gab. Ein Sägewerk, ein paar Gleise, eine Drehscheibe... viel mehr brauchte es nicht um im späten 19. Jahrhundert in Washington oder Oregon als Stadt zu florieren. Als die Eisenbahn dann jedoch eines Tages ihren Route änderte, und Leavenworth buchstäblich "auf der Strecke" blieb, war das für die kleine Gemeinde existenzgefährdend - ausser der Holzfällerei war ja nicht viel vorhanden! Die Einwohner trafen sich zu einer Krisensitzung und überlegten, wie sie ihr kleines Dorf vor dem Ruin bewahren könnte, und jemand der kurz zuvor in den Alpen gewesen war, machte den Vorschlag Leavenworth in ein Alpendorf zu verwandeln. Die malerische Lage am Fusse der Cascades sprach immerhin dafür! Eine gewagte Idee, aber sie hat voll eingeschlagen. Bereits in den 60ern machte das Dorf eine Metamorphose zu einem Romantische Strasse Village durch, und seither wird Leavenworth als "Your Bavarian Getaway in Washington" vermarktet und von Scharen von Touristen heimgesucht.


Man hat dabei an alles gedacht: es gibt deutsches Weizenbier, Brez'n & Senf, ein eigene Musikkapelle, ein Nussknackermuseum, und die Einheimischen tragen sogar in der Apotheke Lederhosen & Trachten. Hotels & Restaurants tragen Namen wie Café Mozart, Café Christa, Pension Anna oder Andreas Keller und sorgen für noch mehr Lokalkolorit. Der beliebteste Treffpunkt an einem heissen Sommertag ist jedoch das "München Haus", der beliebteste Biergarten der Stadt, indem auch ich den kulinarischen Vergleich wagte. Eine klassische Weisswurst mit Brez'n und Händelmayer Senf suchte ich vergeblich, aber die amerikanische Bratwurst-Variante (mit einer unüberschaubaren Anzahl an Senfsorten & reichlich Sauerkraut serviert) war auch nicht zu verachten! Dazu gab es ein Glas (keinen Krug, und auch keine Mass!) Hofbräuhaus Bier - it's wunderbar!


Gewohnt habe ich in der Pension Anna, die quasi "in zweiter Generation" vom Ehepaar Michelle & Gary geführt wird (die ebensowenig wie die Besitzer erster Generation aus Deutschland stammen). Die Pension ist mit importierten Möbeln aus Österreich & Bayern eingerichtet, und ich residierte im gemütlichen "Tuxertal" Zimmer, natürlich inklusive einem mit Blumen dekorierten Balkon. Ich stellte fest dass sogar die Zimmerschlüssel exakt so aussehen, wie ich sie von meinen zahlreichen Skiurlauben in Tirol kenne, die Besitzer haben ihre Hausaufgaben also gemacht!


Sehr amüsant war es auch, zu beobachten, wie die Gastgeber sich beim Frühstück in Trachtenkleid bzw. Lederhose bewusst Mühe gaben, dem familiären Anspruch ihrer "Alpenpension" gerecht zu werden: Michelle kümmerte sich darum dass es auch niemandem an etwas fehlte, während Gary immer wieder mal für Smalltalk zum Tisch kam und mir dabei väterlich seine Hand auf die Schulter legte. Es wirkte ein wenig wie eine einstudierte Geste die er sich bei einem Field Trip nach Tirol abgeschaut hatte und nun auf seine Gäste anwandte. Die Weckerln waren zwar trocken & fad (das mit dem Gebäck kriegen sie einfach nicht hin, die Amis!) aber dafür durfte ich bei Renate ein weiches Ei bestellen. Renate ist tatsächlich in Leavenworth geboren & aufgewachsen, anscheinend bekommt man da zwecks Authentizität einen deutschen Vornamen verpasst. Ob sie tatsächlich so hiess konnte ich nicht verifizieren, aber ich beriet sie ein wenig bei ihrer geplanten Reise durch Europa.

das Team der Pension Anna: Michelle, Renate & Gary

Ich fragte sie ob man als Amerikanerin in Leavenworth nicht irgendwie schizophren wird, und ob sie sich im Herzen noch als Amerikanerin oder doch eher als Deutsche fühlte. Sie meinte sie fühle sich doch 100% als Amerikanerin, und Leavenworth sei letzten Endes doch eine amerikanische Stadt... und ich muss ihr recht geben, es gibt dort nämlich auch eine Starbucks & McDonalds Filiale! Allerdings müssen auch die sich an die örtlichen Baubestimmungen halten, um ein Stück vom grossen Kuchen mitnaschen zu können!

Natürlich hat Leavenworth auch unseren Festivalkalender (Advent-Weihnachtsmarkt, Oktoberfest, Maifest...) übernommen und schlägt entsprechend Kapital daraus - das alljährliche Oktoberfest ist das grösste und populärste seiner Art in den USA. Ich kann nicht genau sagen was es bei den Amis mit der Faszination für deutsche Trinkkultur, -sprüche etc. auf sich hat (bereits in El Paso hab ich mir diese Frage gestellt, als ich in Jacob's DVD-Sammlung über die feucht-fröhliche US-Komödie "Bierfest" gestolpert bin) aber eines weiss ich: mein Herz schlägt eindeutig für das "echte" Bayern!

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