Donnerstag, 15. September 2011

The Empire Builder! (Week 23)

Mit AMTRAK'S Empire Builder stand mir zum krönenden Abschluss meiner Bahnreisen die längste Zugfahrt in den USA bevor. 46 Stunden - 2 volle Tage und Nächte - dauert die Reise von Seattle nach Chicago! Dass ich Zwischenstopps in Leavenworth & Glacier Park eingelegt hatte, machte die Reise aber recht kurzweilig und auch leichter zu verdauen, da ich so nur 1 Nacht im Zug verbringen musste (ich fuhr ja "nur" CoachClass und nicht im Schlafwagen). Und ich hatte auch selbst für ein bisschen Nervenkitzel gesorgt: am Montag hatte ich nämlich in Glacier Park meinen Zug verpasst! Beim Frühstück im Two Medicine Grill hatte ich mich ein bisschen vertrödelt, und als ich anschliessend aus dem kleinen Bahnhof eilte, sah ich nur noch den Zug davonfahren! Nun, es gibt sicher schlimmeres als eine weitere Nacht im Glacier Nationalpark zu verbringen, aber damit brachte ich mich in eine heikle Situation: mein USA Rail Pass lief nämlich am Dienstag um Mitternacht aus, und die Bedingungen schreiben vor, dass man zu dem Zeitpunkt sämtliche travel segments, sprich Zugfahrten, beendet haben muss! Mit meiner geplanten Abfahrt am Montag wäre sich das perfekt ausgegangen (ich wäre am Dienstagnachmittag in Chicago angekommen), nun verzögerte sich allerdings meine Ankunft um einen Tag, und das bedeutete dass mir der AMTRAK-Beamte kein neues Ticket im Rahmen meines Passes ausstellen konnte - ich hätte mir ein One-Way Ticket um mehr als 200$ kaufen müssen! Er riet mir daher, den Zug am nächsten Tag (der Empire Builder verkehrt täglich 1x in beiden Richtungen) zu nehmen, und zu hoffen dass der Beamte im Waggon mein (ungültiges) Ticket vom Vortag nicht allzu genau unter die Lupe nehmen würde! Schlimmstenfalls, meinte er lachend zu seinem Kollegen, könne mir passieren dass sie mich um Punkt Mitternacht in Fargo/North Dakota aus dem Zug schmeissen würden! (wer jemals den Film Fargo gesehen hat, weiss dass Fargo nicht gerade der Ort ist, an dem man um Mitternacht aus einem Zug befördert werden möchte!)

Ich hatte keine andere Wahl und musste es riskieren - ein neues Ticket kaufen zu müssen wäre in meiner finanziellen Lage ganz bitter gewesen, ich hatte ja genau deshalb meine frühere Heimreise beschlossen um diese Zugfahrt noch kostenlos in meinem Railway Pass unterzubringen! Als ich am Dienstag früh (mit meinem Ticket vom Vortag) den Zug bestieg, wurde das Ticket zunächst gar nicht kontrolliert (Glacier Park ist ein kurzer Stopp, und das Personal will sich nicht länger als nötig dort aufhalten) aber wenig später kam der Schaffner ins Abteil und wollte meine Fahrkarte sehen. Während ich nach dem Ticket kramte, fasste ich den Entschluss ehrlich zu sein und ihm von vornherein zu sagen dass es sich um ein ungültiges Ticket handelt - ich wollte nicht "schummeln" und ihm einfach erklären wie unglücklich ich am Vortag den Zug verpasst hatte, in der Hoffnung er würde meine Situation verstehen. Er hatte jedoch bereits den "Zwicker" im Anschlag, und während ich für den Bruchteil einer Sekunde zögerte bzw. abwartete, hatte er bereits meine Fahrkarte entwertet. Er tauschte die (ungültige) Fahrkarte gegen einen der bei AMTRAK üblichen "Sitzplatzcoupons" aus und in dem Moment konnte ich aufatmen und wusste: I'm on my way!


Zufrieden & erleichtert machte ich es mir auf meinem Platz bequem, schloss Bekanntschaft mit meinem Sitznachbarn Adam, holte mir einen Café aus dem Lounge Car und packte meinen Blueberry Cream Cheese Plunder aus. Es stand mir eine spannende & entspannte Fahrt in einem der geschichteträchtigsten Züge Amerikas bevor! Und ich hatte mich in Leavenworth auch mit der perfekten Lektüre für diese Fahrt eingedeckt: "The White Cascade", ein detailgetreuer Bericht über das Great Northern Railway Disaster, bei dem vor ziemlich genau 100 Jahren (im Februar 1910) 2 Züge am Stevens Pass im Kaskadengebirge eingeschneit wurden und - als es nach tagelangem, verzweifelten Kampf der Eisenbahner endlich aussah als ob die Züge weiterfahren könnten - von einer verheerenden Lawine begraben wurden. Ich hatte diese ominöse Stelle ja bereits kurz vor Leavenworth passiert (bzw. fuhr ich durch den zweitlängsten Bahntunnel Amerikas, der nach der Katastrophe errichtet wurde um den Stevens Pass zu umgehen) und freute mich schon darauf mich in America's Deadliest Avalanche zu vergraben, während ich gemütlich mit dem Zug über die Great Plains bretterte.

Doch wie den Passagieren der Great Northern standen auch mir bange Stunden bevor. Als ich etwas später mein Chicken Dinner fürs Abendessen bestellen wollte, stellte ich mit Entsetzen fest, dass meine Kreditkarte verschwunden war. Oops! Und ich hatte ausserdem nur exakt 5$ Bargeld bei mir! FU**!! Ähnliches war mir ja schon in Tucson passiert, und es hatte ein paar Tage gedauert bis mir VISA eine Ersatzkarte nach El Paso zugeschickt hatte. So kurz vor der Heimreise konnte ich solche Troubles echt nicht gebrauchen, immerhin musste ich noch die komplette Umbuchungsgebühr für meinen British-Airways-Flug (160 EUR) bezahlen. Aber soweit dachte ich noch gar nicht: die 5$ würden gerade mal reichen um per Bus zu meinem Gastgeber Charles Golubski in Chicago zu gelangen, sämtliches Essen für die 30-Stunden Zugfahrt war damit gestrichen!

Da ich aufgrund meiner angespannten Finanzlage schon seit einger Zeit kein Bargeld mehr von meinem Konto beheben konnte, war ich absolut von der Kreditkarte abhängig, ich hatte zuletzt jeden lächerlichen Kleinstbetrag damit bezahlt (in den USA glücklicherweise sehr unproblematisch). Schnell wurde mir klar dass ich die Karte am Vorabend im Restaurant in Glacier Park vergessen haben musste, wo ich Jacky aus Atlanta zum Essen eingeladen hatte Eh klar, komplett pleite und dennoch den "Big Spender" geben, werdet Ihr Euch jetzt denken - aber Jacky hatte mich mit ihrem Auto über die Going-to-the-Sun-Road chauffiert, das war ich ihr also schuldig. Leider konnte ich mich nicht mehr genau an den Namen des Restaurants erinnern und wusste nur noch dass es mit "Fire..." begann! In Havre/Montana gab es einen kurzen Zwischenstopp, den ich nutzte um von einer hilfreichen AMTRAK-Schalterbeamtin den vollen Namen des Restaurants zu eruieren: "Firebrand, 3 miles west of Glacier Park?" Yes, that's it!" Die Telefonnummer konnte sie leider nicht herausfinden, da sie keinen Internetzugang hatte, aber das erledigte etwas später ein anderer Passagier mit seinem Smartphone, als wir kurz vor Williston/North Dakota Netzempfang hatten. Er rief auch für mich im Lokal an, und tatsächlich waren sie im Besitz meiner Karte und versprachen mir sie nach Chicago nachzuschicken. Die Adresse konnte ich ihnen leider nicht nennen, da sie irgendwo in einem facebook-email von Charles begraben war (merke: wichtige Daten immer sofort aus dem PC in ein Notizbuch übertragen!!) aber ich versprach es zu tun sobald ich am nächsten Tag in Chicago angekommen wäre. Mein Sitznachbar Adam, der in Williston ausstieg um in den dortigen Ölfeldern zu arbeiten, war so nett mir noch mit 5 $ auszuhelfen, somit hatte ich immerhin 10$ in bar, das würde also zumindest für die Busfahrkarte UND billiges Fastfood in Chicago reichen... Holy Cow, meine eigenen Abenteuer hielten mich ebenso in Atem wie jene der Passagiere der Great Northern Railway in meinem Buch!

Die Great Northern Railway wurde vom legendären Railroad Tycoon James J. Hill aus Minneapolis gegründet, der im Norden der USA ein legendäres Eisenbahnimperium aufbaute, was ihm zu dem Spitznamen "The Empire Builder" verhalf. Er war geschätzt und gefürchtet zugleich, und verlangte von seinen Mitarbeitern vollsten Einsatz, was letztendlich in der Errichtung einer Transkontinental-Strecke von Seattle nach Chicago gipfelte. Zwar war er damit nicht der erste, aber seine Strecke durch die schneereichen Cascades galt als die schwierigste, und im Gegensatz zu den anderen Eisenbahngesellschaften musste er ohne staatliche Förderungen auskommen. All das konnte Hill jedoch nicht abschrecken: "Give me enough Swedes and Whiskey, and I'll build a railroad to hell!" ist ein legendäres überliefertes Zitat. Er errichtete sich eine prunkvolle Villa in Minneapolis, und seine Energie in Sachen Familiengründung stand der im Eisenbahngewerbe um nichts nach: er wurde Vater von 10 Kindern! Bis zur Übernahme durch AMTRAK im Jahr 1971 war die Great Northern auch die einzige Eisenbahngesellschaft die nie Konkurs anmelden musste, und zu seinen Ehren wurde der Zug durch den Nordwesten nach ihm benannt und "The Empire Builder" getauft.

So schwierig es für Hill gewesen sein mag eine Strecke durch die Cascades & Rockies zu finden, so einfach muss die Errichtung der Eisenbahn östlich davon gewesen sein - wir liessen die Rocky Mountains hinter uns und fuhren nun stundenlang durch die Great Plains - Weideland & Ölpumpen soweit das Auge reicht. Schon beim Betrachten der Landkarte fand ich es erstaunlich wie die Nord-Süd-Bergketten plötzlich ins Flachland übergehen, und es war tatsächlich ein radikaler Szenenwechsel. North Dakota ist der von Touristen am wenigsten besuchte Bundesstaat der USA (South Dakota hat immerhin noch die Badlands & Mount Rushmore) und ich konnte das durchaus nachvollziehen. Aber mit dem Zug durch diese gottverlassenen Landschaft zu fahren hatte durchaus seinen Reiz.


Etwa jede Stunde blieb der Zug im nächsten Kaff stehen, um eine Handvoll Passagiere abzuliefern bzw. aufzunehmen, und nachdem Adam ja bereits gegen 19 Uhr in Williston ausgestiegen war, bekam ich um 1:00 Uhr morgens in Danika Bakke eine neue Sitznachbarin. Klingt norwegisch? Ist es auch, denn Danika ist eine von vielen Einwohnern mit skandinavischen Wurzeln in North Dakota (wer Fargo jemals gesehen hat, weiss wovon ich spreche), auch wenn sie natürlich kein Wort norwegisch sprach. Sie war vor kurzem zum Studieren nach Chicago übersiedelt, wir hatten also dasselbe Endziel, und sie half mir ausserdem mit weiteren 10 Dollar aus der Patsche! Die Bahnstation in Fargo hätte ich ja schon allein des Films wegen gerne festgehalten, aber dort trudelten wir erst gegen 2 Uhr 30 ein, und so spannend mein Buch auch war - solange wollte ich dann doch nicht munterbleiben. Als ich um 7:00 Uhr aufwachte waren wir bereits in den Twin Cities (Minneapolis/St. Paul), wo AMTRAK einen Service Stop einlegte und ich mich am Bahnsteig über den eisigen Wind wunderte. Wenig später fuhren wir auch schon entlang des Mississippi River in südöstlicher Richtung nach Chicago.

Minneapolis/Minnesota & der Mississippi River

Dabei machte ich eine weitere sehr nette Bekanntschaft mit einer Julianne-Moore-Doppelgängerin im Sightseeing/Lounge Car, und während wir uns unterhielten wurden wir mit Informationen über den Mississippi berieselt (auf landschaftlich interessanten oder geschichtsträchtigen AMTRAK Strecken gibt es meist eigene Ranger im Zug, die einem die vorbeiziehende Landschaft erläutern). Durch die nette Konversation verging die Fahrt wie im Flug, und ehe ich mich versah waren wir auch schon in Milwaukee/Wisconsin. 30 Minuten später schlängelte sich der Zug bereits durch Chicago's Suburbs und inmitten von imposanten Wolkenkratzern zur Union Station. Und wenn Ihr wissen wollt wie ich mich dort mit 20$ durchgeschlagen habe, müsst Ihr auf meinen nächsten Eintrag warten...

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