Dienstag, 12. April 2011

Sag zum Abschied leise "Servus"...


Ich hätte mir kein besseres Abreisedatum aussuchen können. Heute ist mein letzter Tag in Wien, und sämtliche Zeichen stehen auf Abschied. Meine Stimmung ist wechselhaft-trüb wie das Wetter, und an Tagen wie diesen fühle ich mich in meinen eigenen 4 Wänden eigentlich am wohlsten. So habe ich auch den ganzen Tag (mit Ausnahme eines letzten Abstechers zum Zahnarzt heute morgen) zuhause verbracht, und der Gedanke, schon bald mit knapp 500 Leuten aus aller Welt im Radisson LAX Airport Hotel gemeinsam in einem beheizten Bankettsaal zu schwitzen, während der Rest der Megastadt Los Angeles von der täglichen Verkehrshölle und Smogglocke erstickt wird, ist im Moment nicht gerade verlockend, wenn ich ins saftige Grün meines Gartens blicke...


Im CD-Player läuft heute vorwiegend schwer(mütig)e Kost von Gonzales, Kings of Convenience, Interpol oder Iron & Wine. Man könnte fast meinen ich freue mich gar nicht auf meine Reise. Seit Wochen wollte ich hier eine kleine Vorschau bzw. einen Überblick über meine Reisepläne posten, und wer mich in letzter Zeit getroffen hat, bekam vermutlich eine jener MOO MiniCards mit dieser Blog-Adresse in die Hand gedrückt, mit der ich meine Vorfreude kundtun wollte. Stattdessen herrscht Katerstimmung - sogar bei meinem Kater. Der hat nämlich - völlig entgegen seinem Naturell - den ganzen Tag noch nichts gegessen, liegt apathisch auf dem Bett, gibt seltsame Geräusche von sich, und macht einen kranken Eindruck. Ich hoffe er ist einfach nur ein bisschen traurig darüber mich nun länger nicht wiederzusehen, genauso wie ich es bin.


Meine Taschen sind grösstenteils gepackt - ich werde mit einem Trekkingrucksack & einem Rollkoffer unterwegs sein. Im Trekkingrucksack habe ich hauptsächlich mein gesamtes Campingzubehör verstaut: Outdoorbekleidung, Zelt, Schlaf- und Biwacksack, Isomatte, Campingkocher und -geschirr, Fernglas etc. Im Rollkoffer hab ich meine Wäsche, Yogasachen, Laptop, Toilettentasche, Bücher und sonstige Utensilien untergebracht. Ich hab' ziemlich wenig Kleidung mit - erstens aus Platzgründen, zweitens weil mir jeder davon vorschwärmt wie billig man in den USA tolle Klamotten kaufen kann, und drittens weil ich während meiner Yoga-Ausbildung in den nächsten 2 Monaten vorwiegend in einer Badehose rumlaufen werde. Da ich in dieser Zeit wohl auch kaum zum Lesen kommen werde, halte ich mich auch mit Reiseführern & -lektüre zurück, und werde diese teilweise später über Freunde "einfliegen lassen".


Die überraschende Nachricht, dass meine gute Freundin und Kletterpartnerin Renate beschlossen hat sich dauerhaft in Dubai niederzulassen, hat mich auch ein wenig nachdenklich gestimmt und über meine eigenen Beweggründe zu dieser Reise sinnieren lassen. Als Flucht vor dem Alltag würd ich es nicht bezeichnen, und Wien wird - schon aufgrund meiner tollen Familie & Freunde (davon hab ich mich erst vorgestern bei meiner Abschiedsfeier wieder überzeugen können) - immer meine "Heimat" bleiben. Ich sehe diese Reise eher als... ein letztes grosses Abenteuer vielleicht? Ähnlich wie bei meinem Surflehrer-Intermezzo in Griechenland kann ich nur erahnen was auf mich zukommt. Und ich muss realistisch sein: mit 35 werde ich heuer die Halbzeit des durchschnittlichen (männlichen) österreichischen Lebensalters erreichen, meine Schwester hat bereits 2 kleine Kinder, und laut meinem Zahnarzt muss ich mich in absehbarer Zeit auf Zahnersatz einstellen. Ich werde also nicht jünger. Neulich hab ich erschrocken festgestellt dass ich heuer gerade mal 4 Jahre jünger sein werde als meine Mutter bei der Geburt ihres letzten Kindes (meiner um 16 Jahre jüngeren Schwester Astrid)! Wenn sich also so eine Gelegenheit wie jetzt bietet, hab ich mir gesagt, dann muss ich sie beim Schopf packen.

Von einer Midlife-Crisis kann auch keine Rede sein, und falls doch, so ist mein bevorstehendes USA-Abenteuer wohl die beste Prophylaxe dagegen. In gewisser Weise ist es auch eine Reise in die Vergangenheit - während meiner Schulzeit, als ich mit grossem Enthusiasmus Baseball gespielt & verfolgt habe, war es ein grosser Traum von mir in die USA zu reisen. Später, als es während der Bush-Ära und aufgrund der Filme von Michael Moore zunehmend unpopulär wurde ein Anhänger der USA zu sein, habe auch ich mich ein wenig verächtlich vom Reiseland USA abgewandt. In den letzten 2 Jahren hat es sich dann aber wie von selbst ergeben, dass mein altes USA-Fieber wieder Feuer gefangen hat, und endlich bietet sich auch die Gelegenheit ein paar Freunde zu besuchen die ich im Lauf der Jahre drüben gemacht habe.

Obwohl er den Amerikanern mitunter ein vernichtendes Zeugnis ausstellt, bezeichnet Bikram Choudhury die USA als "the greatest country in the world". Und wenn man ein wenig über den Tellerrand von Fast Food, Raubkapitalismus, schlechtem Bildungswesen & Kriminalität hinausblickt, stimmt das vermutlich auch. Im Jahr 3 nach Obama ist es jedenfalls immer noch eine sehr aufregende Zeit in die USA zu reisen, wie schon mein alter Kumpel Robert während seiner Weltreise am Höhepunkt des "Obama-Fiebers" im Herbst 2008 festgestellt hat. Und so sehe ich dieses halbe Jahr als viel mehr als nur einen Urlaub - es ist berufliche Aus- und persönliche Weiterbildung, Standortbestimmung, Individualreise & lange gehegter Traum in einem! (daher auch die Bildungskarenz *g*) Ich hoffe ich kann Euch in meinen Einträgen aus dem "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" ein wenig von diesem Abenteuer vermitteln!

Und siehe da, nach Fertigstellung dieses Eintrags hat sich nicht nur meine Stimmung wieder aufgehellt, ich kann es nun kaum erwarten vom Bett aufzustehen und meine Koffer fertig zu packen...

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