Montag, 9. Mai 2011

"nice & loose, comfortable, easy, flexible" (Week 3)

Bereits 33 Yogaklassen hab ich hinter mich gebracht und somit exakt 1/3 des Trainings absolviert! Während die 3. Woche für mich ziemlich erfreulich verlief (ich würde sogar sagen es war meine bisher beste Woche, alle 11 Klassen waren mehr oder weniger ein Erfolg) waren bei vielen anderen Trainees erste Ermüdungs- oder Verschleißerscheinungen festzustellen. Kaum jemand, der nicht in irgendeiner Form unter den Strapazen des Trainings gelitten hat: Einige Yogis sind gesundheitlich angeschlagen, mussten Antibiotika nehmen und vom Yoga-Unterricht befreit werden; mehrere Trainees klagen über Rückenschmerzen oder leichte Zerrungen, und auch das seelische Gleichgewicht mancher Beteiligten scheint empfindlich gestört zu sein: mein Zimmerkollege Stephen fühlte sich von der "Yoga Police" schikaniert, und war dementsprechend schlecht gelaunt; man hört von mehreren Streitigkeiten unter Zimmerkolleg(inn)en, bei denen der Staff intervenieren muss; und gestern wurde ich Zeuge eines völlig unnötigen "Zickenkriegs" im Bikram Yoga Shuttle, welches uns am Wochenende bei den Lebensmittel-Einkäufen unterstützt.


Diesen eskalierten Streit fand ich unnötig und bedauerlich, denn auch wenn die Herausforderung, 9 Wochen lang mit hunderten Leuten auf relativ engem Raum kaserniert zu sein, von vielen sicherlich unterschätzt wird (die meisten denken in erster Linie an die körperliche Herausforderung): die Dinge etwas gelassener zu sehen, und seinen Mitmenschen auch unter erschwerten Bedingungen rücksichtsvoll zu begegnen, ist doch ein ganz wesentlicher Inhalt dieser Ausbildung, auch wenn er vielleicht nicht ausdrücklich am Curriculum steht. Bikram behauptet schliesslich nicht ohne Grund, dass seine Art des Yoga (und ganz besonders das Teacher Training) den Praktizierenden sprichwörtlich "immun" gegen den Alltagsstress und andere negative Einflüsse macht ("Let no one steal your peace"). Aber der konstante (manche würden wohl sagen: unerbittliche) Rhythmus aus 3 Stunden Yogapraxis und 6 Stunden Vorlesungen pro Tag geht ganz offensichtlich auch nicht spurlos am Nervenkostüm vieler Beteiligter vorüber, und es sind auch schon des öfteren Tränen geflossen. Einige Trainees tun sich auch recht schwer mit dem Lernen des Dialogue und mit dem Beginn des Anatomie-Unterrichts war der Grossteil erstmal ziemlich überfordert. Obwohl unser Vortragender, der Anatomieprofessor & Notarzt Dr. Jim Preddy aus Las Vegas, den Unterricht wirklich äusserst kurzweilig gestaltet, mussten sich viele mit Kaffee für die bis Mitternacht dauernden Vorlesungen "dopen", und am Donnerstag haben sich auch ca. 15 Leute still & heimlich aus der Vorlesung gestohlen (was der Yoga Police jedoch nicht entging und den Deserteuren eine Makeup-Class einbrachte). Dabei wurden uns diese Woche immerhin die Bollywood-Filme erspart, da Bikram einige Termine in Japan wahrnehmen musste und nicht anwesend war. Dafür ist seine Ehefrau Rajashree eingetroffen, und hat diese Woche sämtliche Abendklassen unterrichtet. Ihre sympathische Ausstrahlung und ihren warmherzigen, aber bestimmten Unterrichtsstil haben wir alle sehr liebgewonnen, ebenso wie die Dienstag/Donnerstag-Morgenklassen mit Emmy Cleaves, der mit über 80 Lenzen dienstältesten Bikram-Yoga-Instruktorin weltweit. Sie war eine von Bikram's ersten Schülerinnen in den USA, bringt Jahrzehnte an Fachwissen & Erfahrung in ihre Stunden ein, und ist laut Staff "the only person to kick Bikram's ass!"

Diese Woche markierte auch den Beginn der sogenannten Posture-Clinics: wir wurden in 20 Kleingruppen ("klein" ist am Teacher Training relativ, jede Gruppe besteht aus über 20 Personen) eingeteilt, und arbeiten uns nun Stück für Stück, Asana für Asana, durch den Bikram Yoga Teacher's Dialogue. Dabei werden wir von wechselnden Gastlehrern evaluiert und bekommen Feedback für unseren "Präsentationsstil". Diese Woche stand der Rest der Warmup-Series, bestehend aus "Hands-to-Feet Pose" (Pada-Hastasana), "Awkward Pose" (Utkatasana) & "Eagle Pose" (Garurasana) am Programm. Ich habe recht gutes Feedback bekommmen, aber mit Utkatasana war ich überhaupt nicht zufrieden - bei dieser 3-teiligen Übung bin ich 2x steckengeblieben, und war verkrampft & nervös. Als ich danach eine Kollegin im Aufzug fragte, ob man mir diese Anspannung angemerkt habe, meinte sie nur: "No... you looked Austrian up there. Or German. You know, that stone-cold face..." Na toll, das war genau das was ich hören wollte...

Aber ansonsten machen mir die Posture Clinics viel Spass, und nun macht sich auch das Vorauslernen des Dialogue daheim im Studio so richtig bezahlt - erst wenn man den Text einer Übung wirklich "intus" hat, kann man sich nämlich auf die Präsentation derselben konzentrieren und an Stil & Ausdruckweise arbeiten. Dementsprechend bekommt man dann auch ein wertvolleres Feedback von den Lehrern & Kollegen (wenn man noch mit dem Abrufen des Textes kämpft, kriegt man höchstens Lerntechniken vorgeschlagen) und der Lernvorsprung den man gegenüber anderen hat erlaubt es einem, zwischendurch auch einfach mal nur zu entspannen. So konnte ich diese Woche nach den Morgenstunden öfters mal nur mit einem Buch in der Sonne liegen, während um mich herum alle an ihrem Dialogue feilten.


Auch im Anatomie-Unterricht tue ich mir natürlich ungleich leichter als meine Kollegen. Wir haben in der vergangenen Woche Skelettsystem, Muskulatur & Nervensystem abgehandelt, und das ist schliesslich mein "tägliches Brot" als Physiotherapeut. Dennoch sind die Vorlesungen alles andere als langweilig und ich bin beeindruckt, wie effizient der Unterricht gestaltet ist - wir handeln hier in 2 Wochen immerhin einen Stoff ab, für den wir in der Physiotherapie-Ausbildung 1 Jahr gebraucht haben! Natürlich gehen wir bei weitem nicht so ins Detail, aber es wird auch kaum etwas ausgelassen, sogar die Gesichtsmuskeln haben wir zu meiner Überraschung durchgenommen. Und bei allem Respekt vor meinen ehemaligen Professoren Dr. Marktl oder Dr. Meng: mit dem Humor von Dr. Jim Preddy kann es keiner der beiden aufnehmen! Dr. Preddy (oder "Doctor P.", wie er vom Staff liebevoll genannt wird) war in seinem "früheren Leben" Masseur & Cheerleader (!) bei der UNLV, und hat erst später (nachdem er Zeuge eines schweren Autounfalls wurde) die Ausbildung zum Arzt (später dann auch zum Osteopathen) aufgenommen. Er hat die Karriereleiter von der alleruntersten Treppe erklommen, zahlt noch immer sein Studentendarlehen retour, und hat sich neben einer gehörigen Portion Lebenserfahrung auch eine angenehme "Bodenhaftung" bewahrt, die man unter Ärzten nicht allzu oft findet (er schwitzt sogar mehrmals pro Woche gemeinsam mit uns im Hotroom). Nächste Woche wird er uns noch das Endokrine System, Atmung & Herz/Kreislauf, Wasserhaushalt & Ausscheidungstrakt, sowie sein Lieblingsthema "Reproduction" näherbringen!

Morgen gibt es auch ein kleines "Anatomy Quiz" - einen Multiple-Choice-Test über den bisherigen Stoff - und mein Karma Yoga dieses Wochenende bestand darin, zahlreichen anderen Trainees bei der Vorbereitung darauf zu helfen! Am Samstagabend gab es eine spontane "Anatomy Party" auf dem Korridor vor meinem Zimmer, wo ich den Fragenkatalog durchgegangen bin und einige Dinge erklärt habe (Dr. Fränk war ganz in seinem Element, wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt! *g*), und das ganze Wochenende über hab ich die korrekten Antworten neben meiner Zimmertür hängen gelassen, was zu ständigen Versammlungen am Korridor geführt hat und uns sehr amüsiert hat. Selbst mein "Roomie" Stephen (der die ganze Woche über den Unterricht gemeckert hat) hat dann irgendwo Gefallen an der Anatomie gefunden: was eine ständige Schar an hübschen Frauen vor unsere Zimmertür lockt, kann wohl doch nicht so schlecht sein! ;-)


Ein üppiges Sonntagsfrühstück (der sogenannte "Lumberjack Slam" bei der Diner-Kette Denny's) heute morgen hat ihn dann endgültig mit der vergangenen Woche versöhnt, und er freut sich schon regelrecht auf die nächste "Anatomy Party" am kommenden Samstag.


Nach dem späten Frühstück war ich heute überhaupt sehr brav und produktiv: mit ein paar anderen Trainees haben wir uns den ganzen Nachmittag ziemlich intensiv auf die Posture Clinics der kommenden Woche vorbereitet, und alle 3 Übungen der bevorstehenden "Balancing Series" (Standing Head to Knee, Standing Bow Pulling & Balancing Stick) bereits auf ein präsentationstüchtiges Niveau gebracht!

Auch 2 weitere Übungen aus der Seperate Leg Series hab ich bereits "vorausgelernt", daher hoffe ich mich nächsten Sonntag ein bisschen ablenken zu können. Da hab ich nämlich Karten für ein Baseballspiel der Los Angeles Dodgers gekauft, womit ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung geht, und es freut mich vor allem, dass ich dafür auch eine Handvoll anderer Trainees gewinnen konnte! Wir werden uns also nächsten Sonntag etwas Ablenkung gönnen, und der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein, denn ab Woche 5 beehrt uns Bikram wieder, und mit seiner Anwesenheit kehren dann wohl auch die langen Bollywood-Filmabende zurück...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen