Montag, 23. Mai 2011

Solid, Concrete, O n e P i e c e ! (Week 5)

Die 5. Woche am Teacher Trainings ist vorüber, und es war die wohl ereignisreichste Woche bisher, ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll... am besten zu Beginn - bei der 8 Uhr 30 Montagmorgenklasse. Der Trend an sehens- und hörenswerten Gastlehrern fand seine Fortsetzung in Gestalt von Martha Williams, die mit ihrem Mann das Bikram Yoga Studio in Minneapolis/Minnesota betreibt. Die Einwohner dieses nördlichen US-Bundesstaates gelten allgemein als friendly bunch (wer je den Film Fargo gesehen hat, weiss wovon ich spreche), und es wird ihnen eine gewisse Kauzigkeit nachgesagt; Martha Williams bestätigte dieses Klischee, denn sie verbreitete von Beginn an gute Laune, liess uns in Full Locust Pose gemeinsam "Sweet Caroline" singen, und legte am Ende der Stunde "Forever Young" von Bob Dylan (der ja im übrigen auch aus Duluth/Minnesota stammt) auf. Die Klasse fiel mir zwar nicht leicht - ich hatte viel zuwenig geschlafen und noch ganz geschwollene Augen & Finger im Hotroom (letzteres machte es zumindest leichter den "nice tight grip" zu behalten) - aber damit hatte sie mich endgültig gewonnen. Can't go wrong with Bob Dylan.

Danach folgte der Anatomie-Test, und auch der sorgte für einige Lacher. Es war ein Multiple Choice Test mit einigen originellen Antwortmöglichkeiten. Beispielsweise: "Wo befinden sich die Langerhans'schen Inseln?" - die korrekte Antwort war pancreas (Bauchspeicheldrüse) aber man konnte auch mit "50 Meilen von Tahiti" antworten. Oder die Frage "Wo wird der Liquor (Hirnflüssigkeit) produziert?" - die Antwort war der Subarachnoidalraum (subarachnoid space), aber man hätte auch mit "Outer Space" antworten können (vielleicht war das gleich ein versteckter Drogentest?) Auf die Frage, woraus Nierensteine bestehen (Calcium) gab es gleich 2 kuriose Antwortmöglichkeiten: "Love" & "Chicken". Ansonsten war der Test aber durchaus ernstzunehmen, und es gab sogar Leute die ihn wiederholen mussten um auf die erforderlichen 70% zu kommen. Mir unterlief zwar wieder ein Fehler (ich verwechselte thyroid mit parathyroid), aber insgesamt lag ich mit 98 von 100 Punkten immer noch im Spitzenfeld (eine einzige Person erzielte die absolute Höchstzahl von 100 Punkten).

Die Posture Clinics dieser Woche eröffnete ich mit der ersten Grätschübung, dem Seperate Leg Stretch. Nicht meine beste, aber auch nicht meine schlechteste Performance. Nancy aus Seattle meinte ich solle den Demonstratoren ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schenken und empathischer unterrichten: "Don't get me wrong, you're doing great - but you're ready for more!". Abends hatten wir dann eine Bikram-Lecture zum Thema Success, die er mit einer Reihe an Witzen eröffnete. Die Pointen waren hit & miss - aber alleine dem Mann zuzuhören wie er genüsslich seine Witze ausbreitete, brachte mich zum Lachen. Und auch wenn es oft schwer ist ihm zu folgen, wenn er über Yoga philosophiert - mit dem Thema "Erfolg" kennt er sich aus, und es gab tatsächlich viele interessante Tipps & persönliche Anekdoten zur Frage was einen erfolgreichen Yogalehrer ausmacht. Natürlich gefolgt von einer weiteren Episode der Mahabharata, die sich aber leider als ebensowenig unterhaltsam herausstellt wie die restlichen Bollywood-Schinken (abgesehen von einigen haarsträubenden Schnittfehlern und der hypnotischen Sitar-Untermalung). Die Erstausstrahlung dieser 92-teiligen TV-Serie hat in Indien angeblich das gesamte öffentliche Leben lahmgelegt (weil das ganze Land wie gebannt vor den Fernsehgeräten saß), bei mir bewirkt sie leider nur schwere Augenlider. Zu allem Übel bekamen wir am Dienstag gleich eine weitere Episode serviert, die ich am Ende zwischen den Sitzreihen schlafend am Boden konsumierte. Davor gab es allerdings eine interessante Gastvortragende: Jeanne Heaton - ihr Artikel "A Teacher with Experience" in der NY Times war laut Bikram "die beste Publicity für Bikram Yoga seit Jahren" und ist wirklich lesenswert! Die Frau hat es sich mittlerweile auf die Fahnen geheftet, Bikram Yoga in die Gefängnisse und Rehabzentren Amerikas zu bringen und schloss mit den Worten: "there's a lot of work left to do"...

Der Mittwoch war ein spezieller Tag. Es begann gleich einmal damit, dass ich - gezeichnet von den beiden Mahabharata Sessions - die Morgenklasse verschlief und somit automatisch ein Ticket für die samstägliche Makeup-Class löste. Ein Übel das ich aber gerne in Kauf nahm, um dafür mal wieder in aller Ruhe frühstücken zu können. Nachmittags in der Posture Clinic waren wir dann im Catalina Room (dem grössten Seminarraum, in dem alle unseren Vorlesungen stattfinden) und mussten erstmals mit Headset "unterrichten". Dabei stand mit dem Triangle eine der wichtigsten und umfangreichsten Asanas auf dem Programm. Zusätzlich gab es dabei nun auch allerlei Ablenkungen mit denen wir fertig werden mussten während wir wie gewohnt unseren Dialogue abspulen sollten. So mussten wir beispielsweise im Raum herumgehen, Lichtschalter betätigen, Jalousien herunterlassen, oder eine Decke zusammenfalten. Eine Kollegin, deren Hausaufgabe darin bestand an der Projektion ihrer Stimme zu arbeiten, musste sich in der Ecke des Raumes (weit entfernt von den 3 Demonstratoren) auf einen Sessel stellen und den Dialogue förmlich durch den Raum "bellen".


Ich lieferte beim Triangle trotz Ablenkungen meine bisher wohl souveränste Performance ab, und legte am selben Abend in einer weiteren Posture Clinic auch noch die letzte Grätschübung (Standing Seperate Leg Head-to-Knee) nach, durfte also wirklich zufrieden sein. Ausserdem entschädigte mich die Yoga-Abendklasse für die versäumte Klasse vom Vormittag: Lisa Ingle, ein Energiebündel aus San Antonio/Texas, brachte mit ihrem "fastest Triangle in the world" (etwa auf 15 Sekunden kondensierter & stakkatoartig vorgetragener Dialogue) den Hotroom zum Kochen - eine unvergessliche Klasse, nicht zuletzt weil es die 50. Klasse war und somit genau die Halbzeit des Trainings markierte. Diesen Meilenstein feierten wir dann abends auch noch mit einem Gruppenphoto im Catalina Room. Mittlerweile kennen sich in den Kleingruppen alle beim Namen und auch unsere Group 10 wächst zu einer richtig eingeschworenen Truppe zusammen:

Group 10!

Das Kuriose ist: obwohl wir privat wenig voneinander wissen (man kommt aufgrund des dicht gedrängten Zeitplanes selten dazu länger miteinander zu plaudern) kennen wir einander doch ganz genau: bei den Posture Clinics steht man vor etwa 40 Leuten auf dem Präsentierteller, und wird täglich aufs Neue mit seinen eigenen Stärken & Schwächen, Dämonen & Schweinehunden konfrontiert. Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel man in diesen 3-4 Minuten über Leute herausfindet, und wie sich immer wieder neue Facetten an Kollegen offenbaren, die man bereits in eine Schublade eingeordnet hatte. Und selbst wenn man manchmal Kritik erntet und die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit unbequeme Seiten hat: man springt gerne über seinen Schatten, weil man das Gefühl hat an diesen Situationen wirklich wachsen zu können. Auch wenn mein Zimmerkollege Stephen gerne über die "Yoga Police" grantelt: ich finde es herrscht eine respektvolle & freundschaftliche Zusammenarbeit: die Lehrer versuchen jeden dort abzuholen wo er/sie gerade steht, und einen besseren Lehrer aus ihm/ihr zu machen. All die beteiligten Lehrer & Studenten sind es, die dieses Training letztendlich zu dem machen was es ist - ebenso wie es all die Lehrer & Schüler rund um den Globus sind, die Bikram Yoga zu dem machen was es ist: nicht bloss ein Workout, sondern eine stetig wachsende, aber dennoch eng verknüpfte Gemeinschaft, die es sich - ganz simpel auf den Punkt gebracht - zum Ziel gesetzt hat das Leben der Menschen zu verbessern!

Shelby Rayner von Bikram Yoga Avondale in Arizona wird mir da besonders positiv in Erinnerung bleiben: ihre Posture Clinic am Freitag war nicht nur eine der lehrreichsten, sondern auch unterhaltsamsten Clinics bisher, ihre Energie war ansteckend, und sie entdeckte bei jedem eine Schwachstelle die es auszumerzen galt. Zwar verlief meine Präsentation von Tree Pose & Toe Stand gänzlich anders als ich mir das vorgestellt und im Kopf ausgemalt hatte, aber es war eine wirklich lehrreiche Erfahrung! Es ist wirklich toll (und ein Beweis des Zusammenhaltes in der Bikram Yoga Community) dass all diese tollen Lehrer aus allen Ecken der USA (teilweise auch auch Übersee) zum Training kommen um ihr Wissen weiterzugeben! Sie machen das Training zu dem, was auf der Bikram Yoga Homepage geschrieben steht: "Bikram Yoga Teacher Training program is the most exciting, hard-working, intensive, effective, amusing and glamorous Yoga class in the world!"

Ähnlich amusing & glamorous war es bereits am Vorabend zugegangen: bereits während der Nachmittagsvorlesung von Emmy Cleaves machten sich Gerüchte breit, dass die Abendklasse angeblich von Rajashree gehalten werden würde, während Bikram durch den Raum gehen und uns korrigieren würde. Es kam allerdings noch wesentlich bunter: Rajashree hatte etwas Verspätung, und so leitete uns zunächst Jim Kallet durch die Aufwärmpositionen, übergab das Mikro aber dann an die mittlerweile eingetroffene Rajashree, die uns durch die restliche Standing Series begleitete und erklärte dass Bikram später eintreffen würde da er noch auf einem Photoshooting vom GQ Magazin wäre... ;-) Bikram traf dann tatsächlich ein, erzählte ein paar seiner üblichen Anekdoten, und instruierte die "Heuschrecke" (Locust Pose), danach übergab er allerdings sofort wieder an Rajashree und verliess den Raum. Diese schien dann die Lust ebenfalls verlassen zu haben (oder sie wollte etwas Zeit mit ihrem Ehemann verbringen), weil sie übergab nach dem Floor Bow wiederum an Jim Kallet, der die Stunde zu Ende führte. Es war gar nicht leicht bei all den Wechseln die Konzentration zu behalten, und auch eine sehr heisse Klasse. Viele Leute verliessen vorzeitig den Raum, und auch ich musste mich - nachdem ich bereits vor Camel Pose k.o. gegangen war - zwingen bis zum Schluss im Raum zu bleiben. Allerdings bewahrheitete es sich wieder einmal, dass die härtesten Klassen oft die lohnendsten sind - kurz zuvor noch erschöpft, ist man wenig später euphorisiert und belebt!

Jim Kallet verglich das Ende von Woche 5 mit dem Kamm einer Welle: bisher war es eine uphill battle, nun heisst es diese Welle abzusurfen und die verbleibende Zeit zu geniessen. Nichtsdestotrotz warnte er uns auch vor, dass gerade in Woche 6 und 7 viele Leute körperlich und mental einbrechen. Auch ich habe in der letzten Woche körperlich ein bisschen die Strapazen gespürt (durch die vielen Vorwärtsbeugen habe ich das Gefühl, als ob meine Wirbelsäulen-Dornfortsätze kurz davor sind die Haut an meinem Rücken durchzuscheuern) und am Freitag eine weitere Morgenklasse verschlafen, was mir auch für nächsten Samstag bereits eine Makeup-Class eingebracht hat. Aber dennoch war es eine unvergessliche Woche, und ich freue mich auf jeden einzelnen Tag der uns noch bevorsteht.

Am Wochenende hab ich mir zur Belohnung dann ein wenig Retail Therapy gegönnt, und hab mir in West Hollywood neben 2 T-Shirts einen jener ONE PIECE Overalls gekauft, die im Moment so angesagt sind. Zwar hab ich nicht vor, damit am Würstelstand am Hohen Markt aufzukreuzen (wie neulich ein Pärchen im Rahmen einer Promotion-Aktion) aber für unsere langen Tage & Abende im Radisson ist so ein "Strampler für Erwachsene" (Zitat Knolly) zum Überziehen wohl das bequemste & praktischste Kleidungsstück überhaupt. (bei den Posture Clinics müssen wir immer im Yoga-Outfit antreten, und das oft in Räumen die im Gegensatz zum Hotroom klimatisiert & kühl sind). Bin schon gespannt wie mein Outfit bei den Kollegen ankommt! :-)


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