Montag, 16. Mai 2011

Take me out to the ballgame!


Vergangenen Sonntag war es endlich soweit - ich war bei meinem ersten Major-League-Baseballspiel! Wer mich schon länger kennt, weiss dass das ein ganz spezieller Moment für mich war, denn Baseball war meine Jugendliebe, und ich bin dem Sport für einige Jahre verfallen. Es war vermutlich der erste Mannschaftssport den ich wirklich gerne betrieben hab. Weder ans Eishockey- (bei den Miniknaben vom EC Stadlau) noch ans Fussballspielen (bei den Knaben vom SV Essling) in meiner Jugend hab ich allzu positive Erinnerungen, aber Baseball (etwa von 1990 bis 1993 bei den Vienna Homerunners)... das war eine tolle Zeit, an die ich fast wehmütig zurückdenke.

Begonnen hat es durch Zufall: auf dem internationalen Pfadfinderlager "VIENNA '90" in Laxenburg beobachtete ich ein paar Amerikaner beim Baseballspielen; und da wir alle lieber Baseballspielen als Gulaschkanonen putzen wollten, schnitzten wir uns kurzerhand ein paar Äste zurecht und schlugen selbst Tennisbälle in die Botanik. Ich weiss noch dass wir daraufhin eine Verwarnung von unserem "Führer" bekamen (ja die hiessen wirklich so bei den Pfadfindern...) aber das war mir relativ egal: unmittelbar nach dem VIENNA '90 beendete ich meine Pfadfinder- und startete meine Baseball-Karriere!

Damals konnte ich vom Baseball nicht genug kriegen. Meine Schulhefte waren mit Fotos von Profis der Major League beklebt, zuhause nervte ich meine Familie mit dem Aufzeichnungen von Spielen auf VHS-Kassetten, die mir Freunde mit Kabelanschluss angefertigt hatten, und die ich mir immer und immer wieder ansehen konnte (nicht unähnlich Bikram mit seinen Hindi-Filmen). Öfters kaufte ich mir in Wien auch Ausgaben der USA TODAY, bloss um die neuesten Ergebnisse & Statistiken zu verfolgen, schliesslich gab es damals ja noch kein Internet. Die World Series (so nennt sich das Finale der amerikanischen Baseballmeisterschaft, welches die Amerikaner aber ganz unbescheiden mit Weltmeisterschaften gleichsetzen) 1991 zwischen Atlanta und Minnesota war eine der spannendsten der Geschichte, leider bekam ich sie nur aus den Zeitungen mit. Die World Series '92 zwischen Atlanta und Toronto besitze ich jedoch immer noch in meiner VHS Sammlung.

Für viele war es schwer zu verstehen was mich am Baseball so fesselte. Meine Eltern fanden es lediglich langweilig, weil die Spieler "doch die meiste Zeit nur rumstehen" - und da konnte ich ihnen nichtmal widersprechen. Aber das Spiel hat unbestritten seinen Reiz: die simple Befriedigung, die man beim Schlagen, Werfen & Fangen eines Balles empfinden kann, wird hierzulande unterschätzt, und es ist ein Spiel das jedem eine faire Chance gibt, egal welche Physiognomie man mit sich bringt, etwas was amerikanische Sportarten ohnehin auszeichnet. Und nicht zuletzt es ist ein Spiel für Tüftler: der Begriff "Rasenschach" ist hier viel eher angebracht als im Fussball, und in keinem anderen Sport wird dermassen viel Zahlenmaterial erhoben - ich vertrete sogar die These, dass sich die Erfindung von Sportstatistiken im allgemeinen auf Baseball gründet; immerhin ist es die älteste Sportart Nordamerikas.

Kurzum: wer bei keinem Baseballspiel war, der hat Amerika nicht verstanden - Football oder Basketball mögen dem Sport zwar in Sachen Popularität und Werbewirksamkeit den Rang abgelaufen haben, aber Baseball ist und bleibt "America's favourite pastime" - der Amerikaner liebster Zeitvertreib! Es ist der Sport, der (ähnlich wie bei uns Fussball, allerdings auf einem, wie ich finde, gehobeneren Niveau) sich durch sämtliche Gesellschaftsschichten zieht, es ist der "social glue" der die Amerikaner vereint. Zum Baseball geht man mit Kind & Kegel, oder vielleicht sogar beim ersten Date - Karten sind relativ erschwinglich und leicht zu bekommen, und die Spiele dauern relativ lange, ohne dass man dabei ständig aufmerksam sein muss, ideal also um ein bisschen zu plaudern und nebenbei einen Hotdog zu verdrücken!


Der Sport ist allgegenwärtig in den USA, man entkommt ihm kaum. Die reguläre Saison läuft von April bis Oktober und beinhaltet für jede Mannschaft die unglaubliche Anzahl von 162 Spielen im Grunddurchgang, ein freier Tag ist für Baseballprofis also eine Seltenheit. Und ich finde es irgendwie bezeichnend dass die Saison somit meinen gesamten USA-Aufenthalt begleiten wird, da ich von April bis Oktober hierbleiben möche. Ich habe vor meiner Abreise sogar 10 EUR auf einen World-Series-Titel der Chicago Cubs, den grossen Unglücksraben der Liga, gesetzt. Seit ca. 100 Jahren hat dieses Traditionsteam keinen Titel mehr gewonnen, und keiner Mannschaft wäre es mehr zu vergönnen. Sollte es wirklich dazu kommen (was unwahrscheinlich ist), werde ich nicht nur um 400 EUR reicher sein, sondern vor meinem Abflug vielleicht sogar noch Zeuge dieses historischen Ereignisses, denn meinen Rückflug werde ich Ende Oktober von Chicago antreten.

Das Spiel der L.A. Dodgers gegen die Arizona Diamondbacks war für mich eine willkommene Abwechslung vom Yoga, und ich konnte auch 3 weitere Trainees für die Idee gewinnen und ein wenig besser kennenlernen: Mike Huber aus South Dakota, sowie Kelly & Courtney Green aus Phoenix/Arizona, die natürlich der Gastmannschaft die Daumen drückten. Und es war gleichzeitig auch ein Sightseeing-Trip: das Dodger Stadium wurde 1962 erbaut und ist damit das drittälteste Stadion der Major League, welches noch benutzt wird, nur übertroffen von Boston's berühmt-berüchtigtem Fenway Park & Chicago's charmant-nostalgischem Wrigley Field!


Ich hatte per Internet Karten besorgt, und zwar die günstigsten, für nur 12$ am "Upper Deck ". Diese waren ihr Geld aber absolut wert - wir waren alle begeistert von der tollen Aussicht - hinter uns Downtown L.A., vor uns die Santa Monica Mountains, und zu unseren Füssen das gepflegte Spielfeld, welches im Baseball aufgrund seiner Form als diamond bezeichnet wird.


Natürlich waren wir nicht nahe genug am Geschehen, um das Duell zwischen Werfer & Schlagmann (Pitcher & Batter), welches das Herz eines Baseballspiels bildet, wirklich mitverfolgen zu können, aber wir hatten dafür einen wunderschönen Überblick auf das Spielfeld, und ausserdem herrlich sonnige Plätze! Und kaum hatten wir Platz genommen, gab es auch gleich 2 aufeinanderfolgende Homeruns der Gäste aus Arizona. Dabei wird der Ball vom Schlagmann über die Spielfeldbegrenzung, und somit für die verteidigende Mannschaft unerreichbar, hinausgeschlagen, was zu mindestens einem, und maximal 4 Punkten (Runs) führt. Der unten abgebildete Wurf vom Linkshänder Ted Lilly (er wirft von einem flachen Hügel, dem sogenannten Mound) führte übrigens zum zweiten Homerun, und einer 4-0 Führung für Arizona.


Am Ergebnis sollte sich auch nicht mehr allzu viel ändern, die Dodgers konnten nur einen Run aufholen und verloren 4-1. Auch das Spiel am Vortag ging mit 0-1 verloren, und die Mannschaft steht dementsprechend wegen ihrer schwachen Offensivleistungen in der Kritik. Auch Andre Ethier, der Star der Dodgers welcher noch vor kurzem mit einer Serie an Treffern fast einen Clubrekord eingestellt hätte, ging an diesem Abend leer aus. Überhaupt herrscht derzeit Krisenstimmung in Dodgertown: der Franchise soll verkauft werden, weil sich der Eigentümer Fred McCourt das Team angeblich nicht mehr leisten kann. Die Besucherzahlen sind im Vergleich zum Vorjahr gesunken wie bei keinem anderen Team, und dazu kam noch ein ganz übler Skandal am Opening Day, beim 1. Saisonspiel Anfang April gegen die San Francisco Giants: Bryan Stow, ein 42-jähriger angereister Giants-Fan aus Santa Cruz, wurde dabei nach dem Spiel auf dem Parkplatz vor dem Stadion von 2 unbekannten Tätern brutalst zusammengeschlagen und mit schweren Kopfverletzungen ins Spital eingeliefert, wo er sich seither im künstlichen Tiefschlaf befindet. Der Skandal hat ganz Kalifornien erschüttert, die Polizeipräsenz vor dem Stadion am Sonntag war unübersehbar. Auf Hinweise zur Identifizierung der Täter wurde eine hohe Belohnung ausgesetzt und ganz L.A. sowie die Baseballszene betrauern den entsetzlichen (und für die Baseballszene untypischen) Vorfall. Ein Spendenkonto, der Bryan Stow Fund, wurde eingerichtet und Teambesitzer Frank McCourt hat sämtliche Krankenhauskosten in L.A. übernommen. Bryan Stow wurde indessen gestern nach San Francisco in eine Spezialklinik überstellt, aber es ist fraglich ob er sich von seinen Verletzungen jemals vollständig erholen wird.

All diese kleinen & grossen Katastrophen waren anschliessend auch Gesprächstoff im Philippe, einem legendären Lokal in Chinatown, welches für seine "French Sandwiches", den hausgemachten scharfen Senf, sowie Kaffee um 0.09 Dollar (kein Druckfehler!!) berühmt ist. Das Lokal, auf das wir durch den Lonely Planet gestossen sind, wird von Einheimischen, Touristen & Baseballfans, ganz gleich ob jung oder alt, frequentiert, und auch wir hatten ein paar interessante Gesprächspartner an unserem Tisch...


Insgesamt war es wirklich ein perfekter Tag, und mein nächstes Baseballspiel ist schon fix eingeplant: mit Kati am 5. Juli im AT&T Park in San Francisco, beim Spiel der heimischen Giants gegen die San Diego Padres. Mit ein bisschen Glück bekommen wir da vielleicht sogar den Ausnahmwerfer Tim Lincecum zu sehen, der den Giants letztes Jahr den Weg zum World-Series-Titel ebnete! Aber noch mehr wünsche ich mir, dass es bis dahin vielleicht erfreuliche Neuigkeiten von Bryan Stow gibt...

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