Montag, 1. August 2011

Go (South)West, Young Man! (Week 16)

Technisch gesehen war ich ja schon im Südwesten der USA: meine Reise mit Dieter & Martin führte mich durch die sogenannte 4 Corners Region, wie das Gebiet um den Schnittpunkt der 4 südwestlichen Bundesstaaten Arizona, Colorado, Utah & Nevada auch bezeichnet wird. Aufgrund der hohen Dichte an Nationalparks sind die 4 Corners wohl die meistbesuchte Gegend im Südwesten der USA, aber der wahre Geheimtipp liegt für mich woanders, und der steht nun auf dem Programm: der Süden Arizonas & die Sonora-Wüste mit ihren symbolträchtigen Saguaro-Kakteen, den Aushängeschildern des Südwestens!


Dies ist die Grenze zu Mexiko, und die Städte der Region sind von einer ausgeprägten border culture geprägt. In Städten wie Tucson oder El Paso ist gut ein Drittel der Bevölkerung mexikanischer Herkunft, und Spanisch gleitet den Leuten dementsprechend leicht von der Zunge. Als Grenzregion hat diese Gegend einen eigenen Reiz, ist ein Schmelztiegel der Kulturen, und bietet wohl die beste mexikanische Küche des Landes. Andererseits hat sie auch mit eigenen Problemen zu kämpfen, vor allem der illegalen Einwanderung & dem Drogenschmuggel. Arizona hat zwar im Gegensatz zu Kalifornien noch keinen Grenzzaun errichtet, sorgte aber zuletzt mit diskriminierenden Einwanderungsgesetzen und dem Attentat des geistig verwirrten Rechtsradikalen Jared Lee Loughner auf die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords im Jänner vor einem Supermarkt in Tucson für Schlagzeilen (wer haette damals geahnt dass uns nur wenige Monate danach in Europa eine aehnliche, ja noch viel schlimmere Katastrophe bevorstehen wuerde...?). Jedenfalls, wenn ich Amerikanern erklärte dass ausgerechnet Tucson seit Jahren ganz oben auf meiner Reise-Wunschliste stand, bekam ich meist nur lange Gesichter zu sehen.

Wieso also bin ich gerade von dieser Gegend so besessen? Zunächst einmal bin ich seit rund 10 Jahren ein grosser Anhänger der Band Calexico, die ich bereits 3x in Österreich, und kürzlich in den USA zum 4. Mal live erleben konnte. Mitte August werd ich die Jungs in Sacramento sogar noch ein fünftes Mal zu sehen bekommen, womit sie unangefochten meine persönliche Gigography anführen! Die Band stammt aus Tucson/Arizona, wird gerne in Schubladen wie Tex-Mex-Rock, Americana oder Alternative Country eingeordnet, und versteht es wie kaum eine andere das Flair und Lebensgefühl dieser Gegend in ihrer Musik zu transportieren. "Cinematic" ist ein weiteres Attribut, das häufig im Zusammenhang mit Calexico fällt, und in der Tat ist ihre Musik "Kino für die Ohren", der perfekte Soundtrack fuer die border region. Nicht umsonst hat die kalifornische Grenzstadt Calexico als Namensgeber Pate gestanden, und deren Ortsschild ist auch häufig auf Promo-Fotos und in den Musikvideos der Band zu finden. Insofern hatte es für mich fast den Stellenwert einer Sehenswürdigkeit, und mein Couchsurfing-Host Marc Gray tat mir auch gerne den Gefallen für ein paar Fotos stehenzubleiben, als wir die 6-stündige Fahrt von San Diego nach Phoenix in Angriff nahmen:

Die kalifornische Grenzstadt Calexico.
Auf der anderen Seite des Zaunes liegt
Mexicali.
Süss, nicht?


Im gleichen Maß wie mich die Musik von Calexico über die Jahre in ihren Bann gezogen hat, wuchs auch meine Faszination für deren Heimatstadt Tucson. Und da ich auch immer schon mein Spanisch verbessern wollte, Kakteen zu meinen Lieblingspflanzen zählen (schon aus dem Grund, weil sie zu den wenigen Pflanzen gehoeren die bei mir eine Überlebenschance haben) und ich lieber trockene als schwüle Hitze mag, war mir klar dass ich unbedingt mal dorthin muss! Der Lonely Planet bestaerkt mich noch zusaetzlich in meinem Vorhaben, wenn er Tucson als "one of the most culturally invigorating places in the Southwest" und "Mexican Food Capital of the US" bezeichnet... denn nach einer Woche in Phoenix, der Hauptstadt Arizonas, ist das genau was ich brauche.

Über Phoenix hatte der Reiseführer ja schon einleitend gesagt: "To tell you the truth, Phoenix is a tough place to love at first". Und dem kann ich nur zustimmen. Ehrlich gesagt hab ich es auch nach einer Woche nicht geschafft Phoenix wirklich ins Herz zu schliessen, und das obwohl ich es mir dort wirklich gutgehen liess. Der Hauptgrund meines Besuchs in Phoenix war mein Ex-Studienkollege vom MODUL, Heinrich Stasiuk, den ich seither (also seit 12 Jahren) nicht mehr gesehen hatte, und der mittlerweile das Restaurant BRICK in Downtown Phoenix (sowie ein weiteres Lokal weiter nördlich in Sedona) betreibt. Dort trafen wir uns auch und zum Einstand lud er mich und meinen Chauffeur Marc gleich einmal auf Essen & Getränke ein... und löste Marc auch gleich als Chauffeur ab, denn wo auch immer ich in der darauffolgenden Woche hin wollte/musste, Heinrich fuhr mich mit dem Auto hin. Nun gut, etwas anderes blieb ihm auch nicht übrig, da er etwas nördlich von Downtown im North Mountain Recreation District wohnt, und da gab es weit und breit kein öffentliches Verkehrsmittel.

die "Casa de Stasiuk" in Phoenix, Arizona

Ich versuchte es Heinrich nicht allzu schwer zu machen und beschränkte meine Aktivitäten in Phoenix auf ein absolutes Minimum, was mir nicht sonderlich schwerfiel da es in seinem Haus superbequem war, und es in Phoenix meiner Ansicht nach nicht allzuviel zu sehen gibt. Greater Phoenix ist quasi eine riesige Oase die auf allen Seiten von Wüste umgeben ist; ein Konglomerat von etwa 20 Städten, die allerdings abgesehen vom Namen kaum zu unterscheiden sind und durch ein schachbrettartiges Raster aus Freeways, Shopping-Malls, Fastfood-Outlets & Tankstellen,(unterbrochen von gelegentlichen Luxusresorts, Golfplätzen oder Wasserparks) miteinander verbunden sind. Bezeichnenderweise lag auch das nächstgelegene Yogastudio, Bikram Yoga Paradise Valley, in einem solchen Mall-Komplex.


Trotzdem wurde es mir als "hands down the best yoga studio in Arizona" empfohlen, und somit darf ich es wohl als besonderes Privileg verbuchen, dass ich dort am vergangenen Donnerstag meine 2. Bikram-Yoga-Klasse halten durfte! Zur Besitzerin Nicole Stroud hatte ich bereits am Teacher Training gute Kontakte geknüpft und somit war die Rutsch'n g'legt, wie man auf gut wienerisch sagen würde. Meine zweite Klasse unterschied sich von meiner ersten insofern dass ich diesmal bereits etwa 30 Schüler im Raum hatte (darunter auch meine erste Anfängerin, Heather, das merkte ich mir sogar ohne Spickzettel), ein wesentlich grösseres und höheres Podium als in San Francisco zur Verfügung hatte, und erstmals mit Headset und (die Information auf die ihr alle gewartet habt:) nacktem Oberkörper unterrichtete! Ausserdem bekam ich unaufgefordert 40$ für die Klasse bezahlt... ob es mit dem nackten Oberköprper zusammenhängt? ;) Das Bikram-in-the-Mission Shirt schien mir in Phoenix einfach deplaziert, ausserdem war der Raum mit exakt 30% gut befeuchtet... und es gelang mir dank einer starken Standing Series und dem Schweiss meiner Yogis die Luftfeuchtigkeit bald auf 50% zu steigern! Am Floor Series Dialogue muss ich allerdings noch arbeiten, wie mir auch Lora Gustafsson bescheinigte, die Besitzerin des Studios in Missoula/Montana! Mit ihr hatte ich nämlich letzte Woche ein 1-stündiges "Einstellungsinterview" am Telefon, eine recht komische Situation, die aber erst so richtig bizarr wurde, als ich Triangle Pose via Telefon instruieren musste - damit erwischte sie mich zwar völlig am falschen Fuss, aber zum Glück war diese Asana schon am Training eine meiner besten und ich schaffte es im 2. Anlauf einigermassen fehlerfrei & flüssig, und ich darf somit mit Freude verkünden, dass ich von 12. September bis 9. Oktober (4 Wochen lang) für Bikram Yoga Missoula unterrichten werde! Mehr dazu aber ein andermal, denn Missoula ist für mich im Südwesten derzeit ungefähr genausoweit weg wie Österreich...

Noch kurz zurück zu Phoenix: mein kulturelles Highlight der Woche bestand darin, zu einem Baseballspiel der heimischen Arizona Diamondbacks zu gehen, die im heimischen Chase Field die Colorado Rockies empfingen (deren Heimstätte in Denver wird übrigens der Ort meines nächsten Spielbesuchs, ich habe bereits Karten für ein Spiel Mitte August). Das Chase Field ist ein ultramodernes Baseballstadion mit einem retractable roof, dh. das Dach kann je nach Bedarf geöffnet oder geschlossen werden. Während dies in anderen Spielstätten (beispielsweise dem SkyDome in Toronto) in erster Linie zum Schutz vor Schlechtwetter dient, ist es in Phoenix ein Schutz gegen Schönwetter - im Sommer ist es in Arizona nämlich eigentlich zu heiss zum Baseballspielen. Southern Arizona hat zwar unzählige Freiluft-Diamonds (Baseballfelder), aber diese dienen nur dem jährlichen Spring Training & der Cactus League - den Trainingslagern & Vorbereitungsspielen auf die Major League Saison, die bereits im Februar & März stattfinden, wenn es überall sonst im Land noch zu kalt, in Arizona aber bereits angenehm mild ist. Als Phoenix aber 2001 mit den Diamondbacks sein eigenes Major League Team bekam (es gehört übrigens der Eishockey-Legende Wayne Gretzky), musste ein solches Stadion her, da man bei den Sommertemperaturen in Phoenix unmöglich Baseball spielen oder sonst irgendeiner anstrengenden körperlichen Aktivität nachgehen kann.

an einem heissen Nachmittag beim Baseball im vollklimatisierten Chase Field

Downtown Phoenix: sauber, modern, heiss und... fad!

Mark Trinitapoli, ein Kollege vom Training mit dem es im Paradise Valley Studio ein überraschendes Wiedersehen gab, brachte es auf den Punkt: im Sommer befindet sich Phoenix in einem Zustand der sich am besten mit Reverse Hibernation, also verkehrtem Winterschlaf, umschreiben lässt. Man flüchtet sich in eine der zahlreichen klimatisierten Malls oder Fastfood-Outlets, oder bleibt einfach zuhause. Und genau das tat auch ich. Eigentlich bin ich kein grosser Freund von Air Condition, aber in Phoenix war ich dankbar dafür, ebenso wie fuer den Water Cooler und die Deckenventilatoren die in jedem von Heinrich's Zimmern angebracht waren. Und tat an manchen Tagen kaum einen Fuss aus dem Haus, verbrachte meine Zeit mit Skypen, MLB.TV (dem Baseball-Kanal), sowie Heinrich's süssen Kindern (Jordyn & Angelique, 6 bzw. 8 Jahre alt) und Hunden (Dackel Max & French Bulldog Francois). Abends gab es gelegentlich DVD-Abende mit Heinrich & Michelle, und zum Abschluss feierten wir dann gestern auch nochmal ordentlich im BRICK beim monatlichen Event "Cheap Thrills", bei dem das Restaurant ganz cafe-leopold-like in einen Dancefloor mit DJ's umgewandelt wird. Ich half ein bisschen bei den Umbauarbeiten mit, und durfte mich erneut ganz auf Kosten des Hauses mit Margaritas & Gin Tonic zuschütten!


Da ich durch meine Yogaklasse ja sogar ein bisschen Geld eingenommen hab, bin ich aus Phoenix fast mit mehr Kohle abgereist als ich bei meiner Ankunft hatte, jedenfalls hab ich unterm Strich kaum Geld ausgegeben. Und es tat gut, mich finanziell (und auch sonst) ein wenig zu erholen, denn damit kann ich nun in Tucson wieder ein bisschen mehr "auf den Putz" hauen! ;) Stay tuned!

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