Samstag, 27. August 2011

The Gorge & More

Wes & Shelley Rogers, meine Gastfamilie in Portland, waren schwer beeindruckt als ich Ihnen schilderte was ich bereits alles in den USA gesehen hatte, bevor ich bei Ihnen in Oregon ankam. "You've hit all our favourite spots!" meinte Wes begeistert, und ich freute mich im Stillen über das Kompliment. Immerhin hatte ich beträchtliche Zeit in das Vorbereiten meiner Reiseroute(n) investiert. Schon Monate vorher, ab dem Zeitpunkt da die Reise mehr oder weniger feststand, hatte ich mich intensiv meinen Reiseführern gewidmet und viele Orte bereits im Kopf besucht.

Für den 2-wöchigen "National Park Loops" mit Martin & Dieter hatte ich sogar einen Masterplan erstellt und den beiden per email zugesandt. Die beiden waren anfangs nicht ganz glücklich damit - Martin bevorzugt eher den laissez-faire Reisestil (quasi sich herumtreiben und treiben lassen) und lässt sich lieber von einer Destination überraschen als vorher schon alles zu wissen; Dieter wiederum reist gerne auch im Kopf, hatte aber keine Freude mit dem recht straffen Zeitplan, der sinngemäß vorsah pünkltich zur Halbzeit unserer Reise in Las Vegas zu sein, und seiner Meinung nach zu wenig Raum für Improvisation zuliess.

Ich konnte die Bedenken beider durchaus verstehen - auch ich mag es, mich auf Reisen gelegentlich treiben zu lassen oder auch einen Tag einfach nur zu faulenzen. Aber wie hat Louis Pasteur es so schön formuliert? "In the field of discovery, chance favours only the prepared mind." Auf Reisen umgemünzt (und diese fallen für mich ebenfalls in die Kategorie "discovery") könnte man sagen: je besser man auf eine Reise vorbereitet ist, desto mehr kann man draus machen.

Multnomah Falls, Columbia River Gorge

Reiseführer der Lonely Planet Reihe sind dabei extrem hilfreich wie ich finde - so etwas wie der Mercedes unter den Individualreiseführern, sind diese Reiseführer von der ersten bis zur letzten Seite dicht gepackt mit Informationen. Manche finden sie unübersichtlich, oder bemängeln das Fehlen von Bildern, aber ich finde sie genial. Meist von mehreren einheimischen Experten in jovialem Tonfall geschrieben (ich kaufe sie daher prinzipiell auf Englisch) hat man beim Lesen immer das Gefühl, mit Insidertipps versorgt zu werden, und tatsächlich ist das meistens auch der Fall. Erst letztes Jahr hab ich mir den Lonely Planet Austria zugelegt, und ich kann nur jedem raten dasselbe zu tun und auf diese Weise seine Heimatstadt bzw. sein Heimatland neu zu entdecken! Ausserdem hat man mit diesen Reiseführern auch ein perfektes Nachschlagewerk um Besucher herumzuführen, oder Couchsurfern bei der Orientierung zu helfen!

Für die USA hatte ich gleich 4 Lonely Planet Guides in Verwendung: "Kalifornien", "Southwest USA", "Pacific Northwest" & den etwa 1000 Seiten starken Wälzer für die gesamte USA. Letzterer war, nachdem die 3 erstgenannten die meisten meiner geplanten Reiseziele grösstenteils ausführlicher abdeckten, fast überflüssig, aber ein paar Dinge wie Chicago & The Great Lakes oder Denver & The Rocky Mountains waren dann doch wichtig, und in keinem der 3 anderen Bücher enthalten. Ausserdem kann ich diesen Reiseführer nützen falls ich jemals vorhaben sollte einen auch nur annähernd so monumentalen Trip an die Ostküste der USA unternehmen (die einzigartige Möglichkeit der Bildungskarenz hab ich nun leider ausgeschöpft, also müsste ich mir dafür wohl was anderes einfallen lassen, haha).

Die Lonely Planet Führer eignen sich aber nicht nur zur Vorbereitung einer Reise, sondern auch und vor allem zum Improvisieren vor Ort. Es gibt fast keine points of interest, die man darin nicht finden würde, selbst wenn man auf so ausgefallene Dinge wie Nussknacker-Museen oder Schwulen-Rodeos steht! Vieles darin mag letztendlich Ballast sein, den man nie im Leben bzw. auf seiner Reise brauchen wird, aber dasselbe kann man über Schulbücher auch behaupten. Im Idealfall helfen einem die lonely planets, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und so war es auch am vergangenen Wochenende in Oregon: geplant war lediglich ein Wochenendausflug an die Columbia River Gorge, herausgekommen ist ein genialer Roadtrip durch Northern & Central Oregon!

Painted Hills (John Day Fossil Beds), Oregon

Die Columbia River Gorge (eine breite Schlucht die der mächtige Columbia River ins Land gefräst hat) stand schon seit vielen Jahren auf meiner Wunschliste, seitdem ich in einem Buch meines Vaters ("Windsurf Traumreviere aus aller Welt" oder so ähnlich...) darüber gelesen hatte. Darin war von heftigen Winden und umgewehten Sattelschleppern die Rede, und während ein Fernfahrer solches Terrain wohl lieber meidet, macht sich ein Windsurfer lieber heute als morgen auf den Weg dorthin; das ehemals verschlafene Städtchen Hood River ist dank seiner einzigartigen Bedingungen in den letzten 30 Jahren zur Windsurf-Hauptstadt der USA aufgestiegen: kalte Pazifikluft wird in östlicher Richtung ins warme Landesinnere "gesaugt" und durch den Tunneleffekt der Gorge beschleunigt; gleichzeitig fliesst der Columbia River mit recht hoher Strömungsgeschwindigkeit in westlicher Richtung in den Pazifik. Diese entgegengesetzt wirkenden Kräfte sorgen einerseits dafür dass der Windsurfer nicht "an Höhe verliert" und andererseits für einen ziemlich heftigen "Chop" (Wellengang, dh. Rampen zum Springen). Die Breite des Flusses erlaubt es den Windsurfern ausserdem, ausgiebig übers Wasser zu flitzen und trotzdem nie allzuweit vom Land entfernt zu sein. Und aus diesem Grund hatte ich mir auch meinen Neoprenanzug eingepackt bevor's in die USA ging. Ich bin nämlich leider schon viel zulange auf keinem (Wind)Surfbrett mehr gestanden und wollte das gerne ändern.

Als ich erfuhr dass man in Hood River ohne Auto ziemlich aufgeschmissen ist, beschloss ich mir für das Wochenende ein Auto zu leisten. Mein Quartier, das Columbia Gorge Hostel, lag auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses in Bingen, Washington - und laut Auskunt eines Angestellten war es gar nicht möglich die Zollbrücke per Fuss zu überqueren. Ausserdem liegen die Windsurfspots an der Gorge, deren Qualität je nach Windverhältnissen stark schwanken kann, teilweise meilenweit auseinander und sind ohne Auto kaum zu erreichen. Auch für mein Ersatzprogramm bei Flaute, die Oregon Falls, war ein Auto unverzichtbar. Derlei Argumente bewogen mich dann doch ein Auto zu mieten, und ENTERPRISE in Hood River stattete mich für das Wochenende mit einem schwarzen Mitsubishi Galant aus.

Damit eröffneten sich plötzlich ganz neue Optionen, und aus meinem geplanten Windsurf-Wochenende in Hood River wurde am Ende ein etwa 300 Meilen umfassender Roadtrip durch Northern & Central Oregon während dem ich so unterschiedliche Naturschönheiten wie die Multnomah Falls (die fünfthöchsten Wasserfälle des Landes und wohl die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in Oregon), das Warm Springs Indianer-Reservat, den spektakulären Lake Billy Chinook, die unheimlichen Painted Hills (John Day Fossil Beds National Monument) und das Traum-Klettergebiet Smith Rock zu sehen bekam.

Sonnenuntergang & Rauch von entfernten Waldbränden in Smith Rock, Oregon

Ausserdem legte ich auf halber Strecke eine Nacht im kultverdächtigen Oregon Hotel im 80-Seelen-Dorf Mitchell ein - für mich die authentischste "Wild West"-Stadt nach Bodie in Kalifornien, mit dem grossen Unterchied dass Mitchell aber auch heute noch bewohnt ist, während Bodie den Elementen überlassen wurde.


Als ich am Sonntag nachmittag nach Hood River zurückkehrte, blutete mir zwar kurz das Herz als ich von der Terasse der "Full Sail Brewery" zahlreiche Windsurfer über den Fluss flitzen sah (im Surfshop wurde mir am Vortag Flaute prognostiziert...), aber man kann eben auch nicht alles haben. Ich habe aus diesem Wochenende sicherlich trotzdem das Maximum rausgeholt, und zurück in Portland, tröstete mich Wes' frischgefanger BBQ-Lachs beim Abendessen schnell darüber hinweg. Wes staunte nicht schlecht dass es mich bis nach Mitchell verschlagen hatte, seine Frau Shelley war überhaupt noch nie dortgewesen! Und somit konnte ich den "Beaver State" (Oregon) zufrieden abhaken, und am nächsten Morgen mit dem Coast Starlight in Richtung "Evergreen State" (Washington) weiterreisen!

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