Dienstag, 23. August 2011

"Keep Portland Weird!" Week 20)

Call it what you want: PDX, Stumptown, oder City of Roses... Portland ist ein ziemlich cooles Pflaster. Ursprünglich ein Epizentrum der Holzfällerindustrie und daher mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen "Stumptown" (aufgrund der vielen gefällten Bäume) versehen, steht die grösste Stadt Oregons heute für alles coole, liberale & vorwärtsdenkende in den USA. Portland gilt neben Seattle als eine der lebenswertesten Metropolen des Landes und hat sich trotz des kontinuierlichen Wachstums einen gewissen hemdsärmeligen Charme behalten. Die Bewohner sind hilfsbereit, freundlich & offen - das durfte ich bereits letzten Dezember in einer Starbucks Filiale in Wien am eigenen Leib erfahren - dort traf ich nämlich meine Gastgeber Wesley & Shelley Rogers zum ersten Mal! Sie waren über Weihnachten zu Besuch bei ihrer Tochter, die für eine christliche Organsation in Slowenien arbeitet, und unternahmen an jenem Tag gemeinsam einen Ausflug nach Wien. Und da die Tochter einige Jahre für Starbucks in Portland gearbeitet hat, mussten sie natürlich auch in Wien auf einen Kaffee beim mittlerweile weltgrössten Kaffeeröster einkehren. Als sie es sich in der Filiale am Michaelerplatz in einer Ecke bequem gemacht hatten, fiel ihnen auf dass der junge Mann neben ihnen in den Lonely Planet Guide "Washington, Oregon & The Pacific Northwest" vertieft war. Nachdem das ihre Heimat ist, waren sie natürlich neugierig und fingen ein Gespräch mit dem jungen Mann an, der ihnen daraufhin mitteilte dass diese Gegend Teil seiner USA Reiseroute im nächsten Jahr sei. Den Rest könnt ihr Euch denken: der junge Mann beeindruckte Shelley mit seinem Wiener Schäh & Wes mit seinen Baseball-Kenntnissen, und bald war eine Einladung nach Portland, Oregon ausgesprochen. Und ich bemühte mich fortan den Kontakt per email zu pflegen und die Familie über meine Pläne am laufenden zu halten, denn Portland war für mich von Beginn an ein absolutes Highlight meiner USA Reise!

Nicht nur dass mir die Stadt aufgrund ihrer Musikszene (The Dandy Warhols, Elliott Smith, Stephen Malkmus & The Jicks u.v.m.) bereits vorher ein Begriff war - der Film "Cold Weather", (klickt auf den Link um den Trailer zu sehen!) mit dem ich im November die Viennale 2010 eröffnet hatte, war der ultimative Teaser: eine Mischung aus Slacker-Komödie, Geschwisterporträt und Detektiv-Geschichte, die in Portland angesiedelt ist und in der die Stadt fast unmerklich eine Hauptrolle einnimmt. Der junge Regisseur Aaron Katz war damals beim Viennale-Screening anwesend, und ich hatte anschliessend am Wiener Badeschiff auch die Gelegenheit ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Wie viele ist auch er nach Portland "hinzugezogen" und hat als Bücherwurm das kühl-feuchte Klima der Stadt (Lesewetter!) als Bereicherung empfunden. Mit "Cold Weather" wollte er neben einer kleinen Hommage an Detektivgeschichten auch die charakteristischen Lichtverhältnisse der Stadt einfangen - die Art von silbergraublauem, wolkenverhangenen Himmel, den ich während meines Aufenthaltes allerdings nicht allzu oft zu sehen bekam, da ich - sehr zur Freude von Wes & Shelley - durchgehend schönes Wetter nach Portland brachte. Laut meinen Gastgebern hatte es kurz zuvor noch sehr viel geregnet, aber ich bekam während meiner Woche keinen einzigen Regentropfen zu spüren - eine Seltenheit in Portland.


Kein Lesewetter also, und dementsprechend war meine Woche dicht gefüllt mit Programm: Dienstag & Donnerstag erkundete ich die Stadt und brachte jeweils an den Vormittagen auch Besuche im nahegelegenen West Linn Yogastudio unter (am Dienstag nahm ich an einer Klasse teil, und am Donnerstag unterrichtete ich selbst meine 3. Klasse). Portland hat neben seinen ausgedehnten Grünflächen durchaus schöne Architektur zu bieten, besonders den Pioneer Courthouse Square und das Portland Building mit seiner Riesen-Bronzestatue "Portlandia" (quasi die Glückspatronin der Stadt) fand ich sehenswert. Was Portland aber besonders lebenswert macht, sind die Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens: kostenloser öffentlicher Verkehr im "fareless square" (ein ziemlich grosser Quadrant, deutlich grösser als etwa unsere "Innere Stadt"), sensationell gutes & erschwingliches Essen an den sogenannten "Food Carts" (kleine mobile Küchen die von kubanischer bis polnischer Küche für jeden Gaumen etwas zu bieten haben), der grösste unabhängige Buchladen weltweit (Powell's City of Books, eine Buchhandlung die einen ganzen Häuserblock und mehrere Stockwerke umfasst), zahlreiche "funky" Cafés abseits der unvermeidlichen Starbucks Filialen (Stumptown Coffee ist ein lokaler Favorit, mein persönliches Lieblingscafé war aber das Bipartisan Café in East Portland), und die urigen McMenamins Pubs (die herausragenden Vertreter einer ganze Reihe von Microbreweries - in Oregon gelten andere Gesetze, und die Bierlokale dürfen ihr eigenes Bier brauen & verkaufen - Portland ist sozusagen Amerika's München).

Portland's "Food Carts", der Stadt letzter Geniestreich

Portland ist auch ein Paradies für Radfaher, mit einem ausgedehnten Netz an Fahrradwegen und etlichen Shops in allen möglichen Stadtvierteln, die sich der Kundschaft auf 2 Rädern widmen. Was mir ausserdem sehr positiv auffiel: es gibt hier tatsächlich noch gut funktionierende Videotheken (Movie Madness, 72nd & Belmont) und Musikläden (Everyday Music, Burnside Ave), die zahlreiche Filme & CD's auch second-hand, und somit wesentlich günstiger verkaufen, für Musiksammler wie mich ein gefundenes Fressen! Portlanders sind umweltbewusst, bemühen sich lokale Produkte zu kaufen, und örtlichen Anbietern den Vorzug gegenüber grossen Handelsketten zu geben. Das gilt für Lebensmittel offenbar ebenso wie für Musik-CD's. Somit war die Stadt für mich ein regelrechtes Shopping-Paradies, und ich war froh meinen Beitrag zum Überleben dieser Geschäfte beitragen zu können: ich erstand sehr günstig 4 Bücher, 3 CD's und 2 DVD's, darunter Jeff Tweedy live in the Pacific Northwest, nicht nur ein ansprechendes Stück Musik, sondern gleichzeitig auch ein schönes Souvenir (der Film begleitet den Wilco-Frontman bei einer kleinen Akustiktour durch Washington & Oregon).


Portland ist aber nicht nur angenehm lebenswert; ein inoffizielles Motto der Stadt lautet "Keep Portland weird!" - ein beliebter Bumper-Sticker-Spruch den ich auch mehrfach auf Stoßstangen entdeckt habe. Die Stadt hat beispielsweise den kleinsten Park Oregons: Mills End Park, exakt 24 Inches (also etwas mehr als ein halber Meter) im Durchmesser! Süss, oder? Und ich bin sicher dass ich, was Portland's weirdness betrifft, gerade mal an der Oberfläche gekratzt habe - Marc Gray in San Diego erzählte mir von einem "Strip-Karaoke" dem er in PDX einmal beiwohnen durfte... achja hab ich schon erwähnt, dass Portland auch die meisten Stripclubs per Einwohner hat? - aber Shelley & Wes sind brave Christen, und ich glaube mit solchen Plänen hätt ich mich ziemlich in die Nesseln gesetzt (von meiner Freundin ganz zu schweigen!) Ich beschränkte mich daher auf einen Besuch im Kino (mein erster Kinobesuch überhaupt in den USA!) - und das ist in Portland ebenfalls ein Erlebnis für sich! Natürlich gibt es hier wie in allen amerikanischen Städten reichlich Multiplex-Kinos; die wahre Attraktion besteht allerdings in kleinen, urigen Kinos die "2nd runs" (Filme die vielleicht vor 1 oder 2 Monaten in den führenden Kinos liefen) zum Spottpreis von 4$ zeigen. Zudem kann man sich an der Kassa mit leckeren Pizzaschnitten und lokalen microbrews eindecken! Auch einige der McMenamins Pubs (die sich generell auf das Restaurieren alter, historischer Gebäude spezialisiert haben) wie beispielsweise Kennedy School oder The Edgefield bieten solches "Pizza&Bier-Kino" an (in der Kennedy School sitzt man angeblich in alten Klassenzimmern auf gemütlichen Sofas), ich war jedoch im Academy Theater, einem kleinen aber feinen Kino aus den 70ern, wo ich mir passenderweise den Slacker-Klassiker "Dazed & Confused" aus den frühen 80ern angesehen hab. Mit dem Film konnte ich weniger anfangen (er behandelt ein Stück amerikanischer Popkultur - das High-School-Leben in den späten 70ern - mit dem ich einfach wenig vertraut bin, aber er bot immerhin einige bekannte Schauspieler in frühen Rollen, u.a. einen dauerbekifften Matthew McConaughey) aber das Gesamterlebniss war allererster Güte - zum Film genoss ich nämlich 2 Schnitten Flying Pan Pizza (mitten im Film ging ich raus und holte mir Nachschub) und ein Chocolate Amber (ein dunkles Schokolade-Bier) - das muss man Portland erst einmal nachmachen! Ich wittere eine Geschäftsidee für Wien, obwohl ich mich frage wie diese Kinos überleben bei den Eintrittspreisen...?


Abgesehen von all diesen Annehmlichkeiten hat Portland aber vor allem einen Riesenvorteil zu bieten: die geographische Lage. Wen kümmert schon das bisschen Regen, wenn man innerhalb einer Stunde surfen (an der wunderschönen Oregon Coast), windsurfen (in der einzigartigen Columbia River Gorge), snowboarden (am ganzjährig schneebedeckten Mount Hood) oder Kajakfahren (am berüchtigten Rogue River) gehen kann? Portland ist ein Paradies für jeden der ein hip-urbanes Flair (nicht zu verwechseln mit bemühter Coolness, das kommt in Portland nämlich weniger gut an: "cool without an attitude" lautet das Erfolgsrezept) mit unterschiedlichsten Outdoor-Aktivitäten verbinden möchte. San Francisco bekommt von mir zwar weiterhin den Preis für die objektiv schönste & spektakulärste Stadt der USA, aber Portland könnte ich mir sehr gut als "meine Stadt" vorstellen. Einziger Haken dabei: die Stadt hat kein eigenes Major-League-Baseballteam! Und es kommt noch schlimmer: sogar das bislang einzige Minor-League-Team, die Beavers, wurden (man lasse sich das auf der Zunge zergehen) durch ein Soccer-Team (der ordinäre Fussball, wie man ihn bei uns kennt!) aus ihrem Stadion und der Stadt verdrängt! Dislike! Aber auch das ist wohl ein Indiz dafür, dass in Portland die Dinge etwas anders laufen als im Rest Amerikas. Soll mir recht sein, ich find PDX trotzdem cool, und in diesem Sinne: "Keep Portland weird!"

Portlandia

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