Donnerstag, 11. August 2011

"Autobuses Americanos"


Nach Arizona und Texas stand mit New Mexico der letzte von 3 Bundesstaaten während meiner 3-wöchigen Südwest-Schleife auf dem Programm. Da die meisten Zugstrecken im Westen der USA (mit Ausnahme der Pazifikküste) in horizontaler Richtung verlaufen (dh. von Westen nach Osten bzw. umgekehrt), musste ich dieses letzte Stück mit dem Greyhound absolvieren. Der Greyhound mit seinem flächendeckenden Bus-Streckennetz ist in der Regel die günstigste Möglichkeit in den USA grössere Strecken zurückzulegen - für die etwas über 4 Stunden dauernde Fahrt von El Paso nach Albuquerque bezahlte ich lediglich 25 US-Dollar. Viel länger möchte ich zwar nicht mit dem Greyhound unterwegs sein müssen (selbst für meine kurzen Beinchen ist dort auf Dauer zuwenig Platz), aber für diese Strecke erwies er sich als das ideale Transportmittel. Mit dem Greyhound zu reisen bedeutet nämlich mit der unteren sozialen Schicht Amerikas (bzw. vereinzelt auch Backpackern) unterwegs zu sein, und im Südwesten sind das vor allem die Immigranten aus Mexiko. Jede Menge Gelegenheit also, um etwas Spanisch aufzuschnappen. Nachdem mich mein Couchsurfing-Host Jacob (der am selben Morgen nach Israel flog) am Greyhound Terminal absetzte, machte ich Bekanntschaft mit einem jungen Burschen und seinem Vater, die mexikanischer Abstammung waren. Miteinander kommunizierten sie natürlich auf Spanisch, aber mit mir sprach der Bursche perfektes American English, und für seinen Vater übersetzte er ausserdem die US-Nachrichten, die gerade im Terminal über den Bildschirm flimmerten.


Als ich in den Bus stieg, war es noch krasser als erwartet - der Bus war prallvoll, und ich war offensichtlich der einzige Gringo. Ausserdem trug der Bus statt dem Greyhound-Logo den Schriftzug "Autobuses Americanos" und für einen Moment hatte ich Angst in den falschen Bus (nach Juárez?) gestiegen zu sein. Aber wie sich herausstellte, kam dieser Bus aus Zentralmexiko und die Insassen waren grösstenteils bereits etwa 24 Stunden unterwegs. Ich nahm Platz neben einer etwa 40-jährigen Frau die sich als Elena aus Denver vorstellte -sie hatte offenbar Verwandte besucht und war nun auf der knapp 2-tägigen Rückreise nach Denver, ihrem Wohnort. Sie war sehr freundlich & gesprächig und der ideale Sparringpartner um mein bescheidenes Spanisch auszupacken, denn ihr Englisch war noch bescheidener. Ich war überrascht wie gut wir uns verständigen konnten, und wenn es mal doch an einem Wort haperte, zückte sie ihr kleines Reisewörterbuch Inglés sin barreras ("Spanisch ohne Grenzen"), das gleichzeitig ein Schlüsselanhänger war:


Wir konnten uns sogar ein wenig über die leider immer noch aktuelle Problematik des Drogenkriegs ("la guerra de drogas") in Mexiko unterhalten, und sie zeigte mir einen interessanten, wenn auch schockierenden Bildband eines mexikanischen Fotografen der zu dem Thema eine Fotostrecke in einem Magazin veröffentlicht hatte. Die 2 schlimmsten Bilder habe ich mit meiner Kamera fotografiert. Das erste zeigt Polizisten beim Fund eines Mannes, dem der Kopf abgetrennt wurde und welcher dann mit gefesselten Händen an einer Brücke aufgehängt wurde: ganz offensichtlich die Handschrift eines Drogenkartells, welches damit eine "eindeutige Botschaft" senden wollte. Das zweite Bild zeigt ebenfalls Polizisten beim Fund nicht einer, sondern gleich mehrerer Leichen. Das Bild erinnert fast an die KZ-Massengräber: sämtliche Menschen wurden erschossen, vorher wurde ihnen noch Plastiksäcke über die Köpfe gestülpt.




Beide Fotos wurden übrigens in Tijuana geschossen (richtig, dort wo ich beim Zahnarzt war...) aber der Fotograf betont im Begleittext dass diese Bilder stellvertretend für viele Orte in Mexiko stehen könnten. In Tijuana selbst habe sich die Situation seither zwar beruhigt, aber er glaube nicht dass deshalb ein Ende des Drogenkriegs in Sicht sei. Auch ich glaube dass, solange die USA weiterhin das Land mit dem höchsten Drogenkonsum der Welt bleiben, keine Besserung in Sicht ist.

Danach widmeten wir uns aber erfreulicheren Gesprächsthemen, beziehungsweise brachte uns "Rush Hour 3" mit Jackie Chan und Chris Tucker (natürlich auf Spanisch, mit englischen Untertiteln) auf andere Gedanken. Und Hobby-Saxophonistin Elena war ausserdem sehr angetan von der Musik Calexico's, die ich ihr mit meinem i-pod vorspielte. Gegen Ende erfolgte später auch eine Kontrolle durch die Border Patrol, die die Reisepässe sämtlicher Passagiere überprüfte. Ich musste an meinen Couchsurfing-Host Jacob denken, der täglich mit dieser Aufgabe konfrontiert wird, und vermutlich gerade sehr froh ist eine Woche auf Urlaub zu sein.

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