Dienstag, 16. August 2011

El Rodeo!


Eigentlich hatte ich mir Santa Fe aufgrund meiner finanziellen Lage bereits abgeschminkt. Die Hauptstadt New Mexicos ist zwar nur ca. 1 Autostunde von Albuquerque entfernt, aber da ich kein Auto habe, und die Stadt auch nicht zum AMTRAK-Streckennetz gehört, hätte ich mir ein zusätzliches Zugticket mit dem Santa Fe Railrunner (ein Nahverkehrszug der zwischen den beiden grössten Städten New Mexicos verkehrt) leisten müssen, und ich war ziemlich pleite. Dass es dann doch geklappt hat, hab ich mehreren glücklichen Umständen und einigen sehr netten Menschen zu verdanken; der glückliche Umstand war dass ausgerechnet an diesem Wochenende in Santa Fe das jährliche ZIA Regional Rodeo stattfand. Man kann zum Rodeo stehen wie man will, zu einem halbjährigen Aufenthalt im Westen der USA gehört es meiner Meinung nach einfach dazu, und ich war bereits etwas enttäuscht dass sich weder in Arizona noch in West Texas (ausgerechnet Texas!) keine Möglichkeit dazu ergeben hatte. Zudem handelt es sich beim ZIA Rodeo nicht um irgendein Rodeo - es ist eines der grössten Gay Rodeos des Landes! Auch ich musste dabei natürlich sofort an "Brokeback Mountain" denken, Ang Lee's stilles Meisterwerk, das den meisten als "schwuler Cowboyfilm" geläufig ist, und in dem Heath Ledger und Jake Gyllenhall regelmässig "fischen" gehen.


Nun, der Film spielt bekanntlich in den 80ern und seither hat sich einiges geändert. Vielleicht nicht in Wyoming um den Brokeback Mountain, aber mit Sicherheit in Santa Fe, einer Stadt die heutzutage den Künstlern gehört und eine grosse Gay Community besitzt - zahlreiche Maler, Bildhauer und Fotografen leben hier, es gibt hunderte Gallerien und mehr als ein Dutzend Museen. Seit Anfang der 90er Jahre wird das ZIA Gay Rodeo dort ausgetragen, heuer stand gar das 20. Jubiläum an. Und als ich im Alibi, Albuquerques Wochenzeitschrift, herausfand dass noch freiwillige Helfer für dieses Event gesucht wurden, war das für mich das perfekte Alibi um zu einem Schwulen-Rodeo zu gehen! Vielleicht hatte ich ein etwas verklärtes Bild davon - wie ich bald herausfinden sollte, sieht nicht jeder schwule Cowboy aus wie Jake Gyllenhall oder Heath Ledger - aber mir ging es ja in erster Linie um die Möglichkeit gratis einem Rodeo beizuwohnen. Kati, die schon den Film etwas befremdlich fand, musste ich versprechen sämtliche Einladungen zum Fischen auszuschlagen... und so nahm ich um 16:45 den letzten Railrunner nach Santa Fe!


Eine der angenehmen Überraschungen in New Mexico war das Wetter - während ich den Bundesstaat aufgrund seines Namens automatisch mit heissem Wetter assoziert hatte, war es dort aufgrund der beträchtlichen Höhenlage doch einen Tick kühler als in Phoenix, Tucson oder El Paso. Ich würde nicht soweit gehen, New Mexico als kühl zu bezeichnen, aber in den Bergen um Santa Fe kann man im Winter sogar skifahren, und als ich am Santa Fe Depot ankam, hatte es gerade geregnet, ich konnte also bedenkenlos mein kariertes Rodeo-Hemd überziehen! Mein Plan war, nach einem günstigen Abendessen das Rouge Cat anzusteuern, welches an jenem Abend Austragungsort einer Art "Players' Party" des Rodeos war. Ich hoffte dort Bekanntschaft mit Drahtziehern oder Teilnehmern des Rodeo zu machen und evtl. ein Quartier angeboten zu bekommen - jedoch möglichst ohne "Back Alley Boogie"!!

Nachdem ich ein wenig durch die Altstadt mit ihren typischen Adobe Buildings schlenderte, kehrte ich im San Francisco Street Bar & Grill zum Abendessen ein. Und obwohl mir das Restaurant zunächst ein wenig zu teuer für meinen Geldbeutel erschien, war das eine meiner besseren Entscheidungen bisher. Throwing caution to the wind, beschloss ich mir einen Margarita sowie ein gutes Abendessen mit einem Bier zu gönnen, obwohl ich noch nicht einmal ein Quartier für die Nacht hatte. Der Margarita war lecker, und ich durfte sogar das Jubiläums-Glas behalten. Die mit rotem Chili glasierten Schweinsmedaillons mit Kartoffelpüree und Broccoli waren ebenfalls köstlich, und ausserdem begann wenig später SAVOR, eine 3 -köpfige Latin Band, mit Kontrabass, Congas & Mandoline kubanische Strassenmusik im Stile von Buena Vista Social Club zu spielen. Nach einem weiteren Bier war ich bestens in Stimmung und blieb bis zum Schluss. Um 23 Uhr hörten die Jungs zu spielen auf, aber Quartier für die Nacht hatte ich immer noch keines.


Ich kam dann mit meiner Kellnerin Heather ins Gespräch, die mich wiederum mit Felipe, einem weiteren Kellner, ins Gespräch brachte, der mir sofort eine Couch zum Schlafen anbot, als ich ihm meine Situation schilderte. Praktischerweise wohnte er auch ganz in der Nähe des Rodeo-Geländes und bot mir an mich am nächsten Morgen dorthin zu chauffieren. Ich hab es dann also letztendlich nicht mehr zum "Back Alley Boogie" ins Rouge Cat geschafft, aber das war vielleicht eh besser... wir fuhren also zu Felipe's kultiger Behausung, eine erstaunlich bequeme Mischung aus Trailerpark & Opiumhöhle. Er erzählte mir, dass er erst vor kurzem seinen Job als OP-Krankenpfleger geschmissen hatte und nach Santa Fe gekommen sei, um sich mit Fotografie & Bildhauerei zu beschäftigen; der Kellnerjob sei da ideal um sich über Wasser zu halten. Ausserdem war er - obwohl nur 10 Jahre älter als ich - bereits 4x verheiratet und hatte 2 Kinder, beide schon Anfang 20. Seine letzte Frau habe es nicht so gut aufgenommen als er ihr erklärte dass er bisexuell sei... anyway, er zeigte mir auch ein paar seiner Werkstücke und zu Pink Floyd's "The Dark Side of the Moon" hatte ich dann den genialen Einfall sein Marijuana mit meinem duftenden Pfeifentabak zu mischen... geschmeckt hat's natürlich grauslich, und da man Pfeifentabak ja nicht inhaliert blieb bei mir auch die Wirkung aus. Felipe machte seine Sache schon besser, denn als wir uns um 3 Uhr morgens hinlegten war er ziemlich stoned, und als er mich um 8 Uhr zum Rodeo fuhr, sah er noch immer ein wenig gezeichnet aus:

Das Rodeo war dann genau das richtige nach so einer langen Nacht. Bruce Skidmore, der für die Volunteers verantwortlich war, hätte mich zwar gerne in die Arena geschleust, aber da ich keine Cowboystiefel und keinen Cowboyhut besaß, wurde ich mit der Einhebung der Parkgebühren beauftragt. Ich bezog also am Eingang zum Gelände unter einem kleinen Zelt Stellung, bekam ein Walkie-Talkie, Parktickets & Wechselgeld in die Hand gedrückt und durfte jedem Auto einen Dollar abknüpfen. Anfang war recht wenig los, und ich nutzte die Zeit zum Wiederholen meines Bikram Yoga Dialogues, aber ab 10 Uhr kamen dann doch recht viele Besucher, und ich hatte einiges zu tun. Bruce versorgte mich zwischendurch mit einem Sandwich und Wasser, und gegen 13 Uhr durfte ich Schluss machen und mir gratis das Rodeo ansehen. Die Jungs waren echt sehr dankbar für meine Unterstützung und ich bekam zur Erinnerung noch ein T-Shirt und eine Kappe geschenkt.

mein Arbeitsplatz am Santa Fe Rodeo

Das Rodeo selbst war dann natürlich auch ein Erlebnis. Ich kam gerade rechtzeitig zur "Grand Entry", einer Art Eröffnungszeremonie, bei der 3 Reiter mit den Flaggen New Mexicos, Kanadas & der USA durch das Stadion trabten und ein Sänger gerade eine ziemlich windschiefe kanadische Hymne schmetterte (ich fühlte mich fast ein wenig schuldig, den Herren am Vormittag mit dem Auto hereingelassen zu haben). Danach hiess es "Let's Rodeo!" - es gab etliche Bewerbe, die sich im grossen und ganzen in 3 Kategorien einteilen liessen: die Bewerbe auf dem Pferd, bei dem es galt Geschwindigkeit und Geschicklichkeit zu kombinieren, hatten die meisten Teilnehmer: Pole Bending, eine Art Slalom-Vertikale mit dem Pferd, oder Flag Racing, bei dem man in vollem Lauf eine Flagge aufnehmen musste und sie nach einem Rundkurs über den Parcours ebenfalls in vollem Lauf in einen mit Sand gefüllten Eimer spitzeln musste.

Pole Bending - pro umgefallener Slalomstang bekam der Reiter 10 Strafsekunden

Bei den Bewerben wo vor allem cojones (also Eier) gefragt war, gab es deutlich weniger Teilnehmer: einen einzigen beim Junior Bullriding, und für die "erwachsene Variante" am grossen Stier fand sich überhaupt niemand; dieser Bewerb - eigentlich der Höhepunkt jedes Rodeos - musste am Ende also komplett gestrichen werden. Im Unterschied zu einem normalen Rodeo (9 Sekunden), wo Profis am Werk sind, gilt es beim Gay Rodeo zwar nur 6 Sekunden auf dem Vieh auszuhalten, aber das ist für Amateur-Cowboys wohl immer noch schwierig und gefährlich genug.

Junior Bullriding

Die 3. Kategorie an Bewerben war die unterhaltsamste, allerdings auf Kosten der beteiligten Tiere. Es waren die Bewerbe der Cowhands - dafür muss man kein geübter Reiter oder Cowboy sein, sondern einfach ein bisschen Mut und die Bereitschaft zum Staubfressen mitbringen. In diese Kategorie fiel beispielsweise Goat Dressing, bei dem ein Team aus jeweils 2 Leuten in möglichst kurzer Zeit einer kleinen Ziege Unterwäsche überstreifen musste. Da die Ziegen allesamt recht wenig Gegenwehr boten (bzw. an einem ca. 3 Meter langen Seil festgezurrt waren und daher das Unvermeidliche nur wenig herauszögern konnten) war dies zwar ein amüsanter, aber sportlich ziemlich wertloser Bewerb.


Deutlich spannender war da schon das Wild Drag Race - hier hatten die Tiere nämlich eher die Möglichkeit sich zu wehren, und es ging nicht ganz so einseitig über die Bühne. Ein Team aus 3 Teilnehmern - einer Frau, einem Mann und einem "Drag" - dh. entweder Mann oder Frau, aber auf jeden Fall in Frauenkleidern - musste dabei versuchen, einen jungen Stier mithilfe eines Seiles aus seiner Box über eine 30 Fuss entfernte Linie zu bringen, dort den/die Drag auf den Stier aufsitzen zu lassen, und den Stier mitsamt dem Drag wieder über die Linie zurückzuführen. Der bzw. die Drag musste sich solange auf dem Vieh halten, bis es die Linie mit allen 4 Beinen überquert hatte. Klingt verrückt? War es auch, und vor allem eine ziemliche Tierquälerei, denn ohne den Stier zu dritt an Seil, Hörnern und Schwanz zu zerren & schieben brachte man ihn meist nicht über die Linie.


Bei diesem Bewerb litt man abwechselnd mit dem Stier und amüsierte sich vor allem wenn er die Leute in Schwierigkeiten brachte, auch wenn das nicht ganz ungefährlich war. Mehrere Drags wurden abgeworfen, und eine junge Dame erlitt eine Knöchelverletzung. Diese Spass-Bewerbe finden sich natürlich sonst auf keinem Rodeo (vielleicht gibt es ähnliche Cowhand-Bewerbe, aber wohl nicht in Frauenkleidern) und sind ausschliesslich bei den Gay Rodeos vertreten. Gay Rodeo bedeutete in diesem Fall übrigens sowohl Schwulen- als auch Lesben-Rodeo, es waren nämlich (vor allem bei den Pferdebewerben) auch einige Cowgirls am Start. Das Publikum war gemischt, der Grossteil gehörte offensichtlich der Gay Community an, aber es waren auch einige Heteros dort, die sich das ganze - so wie ich - einfach mal "live geben" wollten.

Letztendlich war Santa Fe dann ein richtig billiger Ausflug für mich: am Samstag im Zug schien der Schaffner auf mich zu vergessen und ich musste keine Fahrkarte lösen, die Übernachtung bei Felipe kostete mich ebenso wie der Eintritt ins Rodeo keinen Cent, und dank einer Mitfahrgelegenheit war auch der Rückweg nach Albuquerque kostenlos. Ich beendete den Tag mit einer letzten Red Chile Enchilada und einer Cinnamon Roll im FRONTIER (einem beliebten Lokal in Albuquerque, welches sich gleich ums Eck von Bernice's Haus befand) und war sehr happy, dass meine 3-wöchige Southwest-Tour so ein zünftiges und würdiges Ende gefunden hatte!



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